Zum Anlass seines heutigen Geburtstags

Terradelles’ Rückkehr zur Bühne

Manchmal scheint es nur eine Kehrtwendung um 180 Grad zu sein: Gerade aus dem Blickfeld des gegenwärtig praktizierten Fachnischendenkens mutet es jedenfalls erstaunlich an, wenn sich im Jahr 1745 ein römischer Kirchenkapellmeister zum Dienst am King’s Theatre in London abberufen ließ. Hier lag es aber an der vorhergehenden Bühnenpraxis. Fünfzig Jahre früher wäre ein solcher “Quereinstieg” wohl noch leichter gewesen, denn in der Barockzeit unterschied man nach den Inhalten weniger: Auch wenn jemand vorher Opern komponierte, durfte er doch anschließend unter dem Dach der Kirche Messen und Motetten schreiben und niemand hätte ihm die weltliche Herkunft verargt. So und umgekehrt geschehen dem katalanischsprachigen Komponisten Domènech Terradelles (13.2.1711 – 20.5.1751), der geradezu idealtypisch die Musik der Vorklassik verkörperte.

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Unter dem Titel Furor! erschienen 2009 ausgewählte Arien aus Terradelles' Opernwerk ()

Unter dem Titel Furor! erschienen 2009 ausgewählte Arien aus Terradelles’ Opernwerk (B001UHLMPO)

Erste Erfahrungen als Chorknabe sammelte Terradelles möglicherweise unter dem Kapellmeister Francesc Valls, was aber nicht belegt werden konnte, da es in Barcelona zu dieser Zeit natürlich auch andere, namentlich heute weniger oder nicht mehr bekannte Chordirigenten gab. 1732 wurde der Sängerzögling am Conservatore Sant’ Onofrio in Neapel aufgenommen und studierte bei dem namhaften Kirchenmusiker Francesco Durante, der sich ganz der römischen Schule verschrieben hatte, dennoch aber nebenbei Kammermusik schrieb. Nur 6 Jahre später, zum Karneval 1739 wurde in Rom Terradelles’ erste Oper Astarto nach einem Libretto von Apostolo Zeno und Pietro Pariati aufgeführt,  einen großen Erfolg konnte er 1743 mit der opera seria Merope verbuchen. 1744 fand in Venedig die Uraufführung seines Artaserse – eines zu dieser Zeit gerne vertonten Stoffs - statt.

Spanische Einspielung der Oper Sesostri re d' Egitto (2011, B0055ES19S)

Spanische Einspielung der Oper Sesostri re d’ Egitto (2011, B0055ES19S)

Nur zwei Jahre, von 1743 bis 1745 agierte der Spanier als Kirchenkapellmeister in Rom, bevor er nach London ging, um als Direktor des King’s Theatre weiterzuwirken. Aber schon 1747 lebte er in Paris, bevor er 1750 nach Italien zurückkehrte. Dort wurden 1750 in Turin seine Didone Abbandonata  und in Venedig Imeneo in Atena gespielt. Nur wenige Monate nach der Aufführung seiner Oper Sesostri re d’Egitto (1751) in Rom starb der Komponist, dem noch eine große Karriere bevorgestanden hätte, unter ungeklärten Umständen. Viele kirchliche Werke stammen außerdem aus seiner Feder sowie verschiedene Instrumentalwerke. Rousseau zählte ihn unter die bedeutenden Zeitgenossen Nicolo Porpora, Niccolo Jommelli und Baldassare Galuppi. Seine letzte umfangreiche Oper Sesostri wurde 2011 unter Juan Bautista Otero mit der spanischen Königlichen Kammeropernkompanie beim Label Rcoc eingespielt (3 CDs, B0055ES19S).

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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