Stephans Stramme Saiten (5)

Ich müsste noch mal 13 sein – KMPFSPRT vs. Metal

Apropos „Metal“. Die NWOBHM war mir Magenbrot, mit Maiden und Saxon habe ich die Erfahrung der ersten Konzerte auf deutschem Boden gemeinsam. Da besaß ich noch nicht einmal `ne Kutte; die Lederjacke wurde kurze Zeit später, wie erwähnt, mit Metal-inkompatiblen Aussagen „beschlevert“ (O-Ton Mutti). Es ist der Großzügigkeit meiner Großeltern zu verdanken, dass ich es mir erlauben konnte, auch noch die randständigsten, aber immerhin präsenten Metal-Acts in meine orangefarbene Einkaufstüte (…) zu stopfen; Maiden, Saxon, Judas Priest und Motörhead empfand ich schon enttäuschend schnell als obsolet. Stattdessen weidete ich mich an den Platten von Fist, Holocaust, Samson, Shiva, White Spirit, Riot, Quartz, Starfighters, Picture („aus Holland“), Killer (aus Belgien), Angel (den völlig in Vergessenheit geratenen Gegenentwurf zu Kiss) und noch so manchen mehr. Als dann Metallica, Exciter und Slayer aufliefen, waren die o.g. vollen Züge für mich auch aufgrund mangelnder Kurzhaarfrisuren schon wieder abgefahren.

Mit dieser Mitgift gewappnet widmete ich mich am besagten Abend einer ganzen Reihe der jüngsten von „Metal Promotions“ (Jens Martin Baumgartner, Bremen) betreuten Veröffentlichungen. Und – da war es wieder, das alte Gefühl: Anstatt die von EMP, Metal Hammer etc. maschinell gesteuerten Umsatzbringer wahrzunehmen, nur um sie à la longue der Reihe nach ins (geistige) Regal zu stellen (um sich anschließend wieder davon zu distanzieren, wie dereinst im holden Mai), erwärmte sich mit jeder vernommenen Scheibe mein Herz, was KMPFSPRT nicht gelungen war: Mit den folgenden Veröffentlichungen durfte ich wieder ein dreizehnjähriges Trüffelschwein sein  … und ging ungehemmt, frei von Selbstzensur, eine flüchtige Liebesbeziehung mit folgenden ein:

Thoughts Factory - Lost (New Music Distribution)

Thoughts Factory – Lost (Thoughts Factory / New Music Distribution)

Thoughts Factory, Lost (New Music Distribution / Recordjet).
Selbst das grottige Cover hätte mich damals nicht davon abgehalten, diese Platte erwerben zu wollen. Aus dem reichlich wirren Stilmix (Progressive halt) ragen einzelne Passagen heraus, die vor allem in puncto Melodik besondere Erwähnung verdienen. Ich merke der Band an, dass sie sich aus Musikern zusammensetzt, die vor lauter Erfahrung (noch) nicht so genau wissen, wohin die Reise gehen soll. Und genau das macht diese Platte so reizvoll, so spannend. Besonders in den zahlreichen ruhigen Momenten, wo „Lost“ bleibenden Eindruck zu erwecken weiß (Bülent Ceylan hat hingegen eher das Monumentale an Thoughts Factory für sich entdeckt…).

Leviathan - Beholden To Nothing, Braver Since Then (TWS Muisc)

Leviathan – Beholden To Nothing, Braver Since Then (TWS Muisc)

Leviathan, Beholden to nothing, braver since then (TWS Music).
Ach, wie gerne würde ich mir den Albumtitel auf die Unterarme tätowieren lassen (wenn dort nicht schon was stünde), um den ganzen „Love & Hate & Name/n der Ex-Kinder“-Träger in der Muckibude mal ne Denkaufgabe aufzutragen. Andererseits: Wie viele Bands und Projekte dürften sich diesen Bandnamen schon auf die Segel geschrieben haben, um Thomas Hobbes zu widerlegen oder zu affirmieren?! Was bin ich doch für ein Klugscheißer! John Lutzow firmiert bereits seit über zwanzig Jahren als Mastermind, und genauso – im besten Sinne – altbacken klingt das Ganze dann auch. So ausgefeilt wie schnarchig, wie tausendmal gehört – nur punktuell etwas anders als vor vielen Jahren. Wer es braucht und will sei mit Nachdruck zu diesem opulenten Werk der Old-Progressive-Metal-School geraten, es fehlt an nichts.

Northern Plague - Manifesto

Northern Plague – Manifesto (Folter / TPE)

Northern Plague, Manifesto (Folter Records / TPE).
Eine non-taktile Ejakulation hätte das Eingangsriff vor besagten dreißig Jahren bei mir ausgelöst, gewiss. Gewiss ist auch, dass (die) Polen (bei weitem nicht nur) in Sachen Metal gehörig hat (haben) aufholen können, Vader seien – dies nur zum vorgeblichen Kompetenznachweis – aufgeführt. Naturgemäß erfinden sie den Death Metal nicht neu (wie gerne hätte ich statt „Death Metal“ „Death Wojtila“ geschrieben, um die billionenfach gebrauchte Floskel mit einer Albernheit zu umgehen), doch ziert ihre Läufe und Breaks ein unüberhörbarer Wille zur Eigenständigkeit, die sich darin bewahrheitet sehen mag, dass ich dieses Album komplett durchhören kann, ohne gelangweilt umzuschalten. Und wenn ich das schon hinbekomme, sollten dies wahre Connaisseurs erst recht, volle Punktzahl nach Polen!

Desolation - Desoriented (Rebellion / New Music Destribution)

Desolation – Desoriented (Rebellion / New Music Destribution)

Desolation, Desoriented (Rebellion / New Music Distribution)
Zurück nach Deutschland, nach Hannover (oh je), hin zu Desolation (meine, schon dreiunddreißig Bands gleichen Namens gekannt zu haben). Dort finden wir einen schwer zu fassenden Moloch aus Progressive Death, NDH und überaus konventionell gehaltenen Licks vor. Schmisse man sämtlichen zeitgenössischen Metal in einen mathematisch geschulten Mixer – so käme womöglich so etwas wie Desolation heraus. Phasenweise beeindruckend (stimmige Hooks und Melodieführungen sind vorhanden!), doch letztlich noch zu unentschlossen und schlicht zu brav für den Aufstieg in die Ligen höherer Weihen (oder umgekehrt). Doch dann zu guter Letzt: „Ich hasse ein bisschen die Welt“, eine treffliche Eisregen-Reminiszenz, vielleicht.

Aber sicher ein willkommener Abschluss dieser von Nostalgie und Rotwein durchtränkten Kolumne, aus dem Nähkästchen eines verzagten Non-Konformisten hinaus in die Welt, die es doch auch ein bisschen zu lieben gilt. Auch wegen KMPFSPRT und Metal Productions. Das Glück auf Erden ist leicht zu verachten…

PS.: Auch bei Facebook? Dann werde Fan von amusio!


Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>