„Spectre“-Tour gestartet

„Laibach über dem Deutschland“

Gestern in der ehemaligen Schokoladenfabrik zu Köln, heute in der Manufaktur Schorndorf, in einer Woche Hong Kong: Das slowenische Gesamtkunstwerk Laibach ist mit seiner Spectre-Tour gut unterwegs. Offensichtliche Provokationen gehören dabei ebenso der Vergangenheit an, wie die früher üblichen Mängel bei der musikalischen Umsetzung. Laibach verstören nicht mehr, brillieren stattdessen mit einem messerscharfen (und, dem war nicht immer so, überwiegend live eingespielten) Sound sowie einer perfekt inszenierten Lightshow. In Verbindung mit der Unverbindlichkeit vordergründig klarer Aussagen, die das Album „Spectre“ inhaltlich bereithält, stellt sich die Frage, ob es sich noch lohnt, Laibach als politische und weltanschauliche Instanz ernst zu nehmen.

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Kunterbuntes Symbol-Vakuum: Laibach "Spectre" live (Stephan Wolf)

Kunterbuntes Symbol-Vakuum: Laibach “Spectre” live (Stephan Wolf)

Der Saal füllt sich mit einem ausgesprochen heterogenen Publikum: Schwarzkittel, Techno- und Metal-Renegaden, Künstlerpersönlichkeiten, Nostalgiker und einige versprengte, paramilitärisch gewandete Laibach-Korporatisten, von denen man noch immer nicht weiß, ob sie den spezifischen Laibach-Witz falsch oder angemessen verstanden haben. Eben jenen Witz, den die Slowenen im Sinne einer Rekontextualisierung von Symbolen, Uniformen und Popmusik nun schon seit nahezu dreißig Jahren erzählen. Und so amüsiert sich das Auditorium mit Anekdoten und Erinnerungen an frühere Laibach-Events, die bis heute nachwirken. Nicht wenige betonen dabei, dass der aufklärerische Ansatz der Laibach-Kunst bei ihnen gefruchtet habe, dass sie auch über die Auseinandersetzung mit den ideologischen Doppelbödigkeiten der Band zu mündigen Bürgern gereift seien.

Der Bandbegriff greift bei Laibach schon seit Jahren nicht mehr. Wer auf der Bühne steht, ist zweitrangig, nur Sänger Milan Fras muss sein! Doch heute teilt er sich den Part des Hinguckers mit Mina Špiler – und verliert glatt an Präsenz. Er ist nicht mehr der unantastbare, übermenschliche Dämon am Mikro, er setzt sein gutturales Pfund songdienlich ein, verzichtet auf große Gesten und nimmt menschliche Züge an (einige wollen sogar mehrfach ein Lächeln gesehen haben). Mina Špiler bietet ihrerseits eine ausgezeichnete Vokal-Performance, beide gemeinsam könnten gerne noch eine Spur entschlossener interagieren, aber das bleibt angesichts eines nahezu (zu) perfekten Konzerts eine Marginalie der Kritik.

Fragmente einer Phalanx: Laibach live (Stephan Wolf)

Fragmente einer Phalanx: Laibach live (Stephan Wolf)

Die Lichtsetzung würde jeder Großraumdisko zur Ehre gereichen, die Projektionen bleiben überwiegend abstrakt: keine historischen Verweise, keine politische Agitation, bestenfalls vage Assoziationsketten. Leider erweist sich das neue Material als zu wenig packend, um dauerhaft in seinen Bann ziehen zu können. Im Ganzen zu glatt geraten, wird Markanz behauptet, aber nicht eingelöst. Das ändert sich nach der Pause des insgesamt weit über zweistündiges Konzerts; das 2. Set, inklusive der Zugabe, legt jenen Zacken zu, den der erste Teil noch vermissen ließ. Das mag am sporadischen Aufgriff von älterem Material liegen, doch die von vielen erwartete „Best of“- Rekapitulation bleibt aus. Vielmehr überzeugen die dem Bonus-Material zu „Spectre“ entnommenen Tracks mit einer immensen Vitalität: Laibach rocken, es wird regelrecht soulig, die Band spielt sich und ihr Publikum in einen wohl kalkulierten Rausch. Den stört nur die alberne Idee, die handelsüblichen Ansagen („you are the best …“) per Off einzuspielen, das hätte es nicht gebraucht.

Mehr Licht, sapere aude! (Stephan Wolf)

Mehr Licht, sapere aude! (Stephan Wolf)

Und – wer braucht noch Laibach? Für einen gelungenen Abend unter Freunden eine Bank, bieten sie kein nachhaltiges Hirnfutter mehr. Und die im „Empört Euch!“-Jargon gehaltenen Plattitüden auf „Spectre“ legen auch live den Verdacht nahe, dass Laibach subtiler (und perfider) als je zuvor ihre letztlich hochgradig pessimistische Einschätzung des Weltenlaufs thematisieren. Als Konsequenz aus dem gutmenschlichen Bramarbasieren fällt keine totalitäre Ikonografie mehr ab, kein deutend drohender Zeigefinger will sich noch erheben. Es bleiben kunterbunte (Seh-)Sinnreizungen, schön anzuschauen, doch inhaltsleer. Wenn dies die Quintessenz aus Laibachs Gesellschaftsanalyse sein sollte, so haben sie – dann doch – wieder in den tiefsten Wunden unserer post-industriellen Gesellschaft gewühlt. Das gegenseitige, politisch korrekte Beamüsieren von Individuen, die perspektivlos saturiert ihren Widerstand gegen sinnentleerte Floskeln und Phrasendrescherei getauscht haben. Sinnentleert wie das „Spectre“-Leitsymbol, die Zeiten des Spiels mit Sternen, Sicheln und Kreuzen sind vorbei. Hauptsache, der Beat stimmt. Welcome to amusio.

Laibach mit „Spectre“ live, uneingeschränkt zu empfehlen
(Termine im deutschsprachigen Raum):

16.03. München (Feierwerk)
04.04. Frankfurt/Main (Mousonturm)
05.04. Dresden (Reithalle)
07.04. Berlin (Volksbühne)
08.04. Hamburg (Uebel & Gefährlich)
11.04. Rostock (Zwischenbau)
15.04. Wien (Arena)

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