Andreas Martin im Interview

„Leichtigkeit passiert nicht jeden Tag“

Mit „Für dich“ (Ariola / Sony Music) ist Andreas Martin, wie bereits festgestellt, ein lupenreines Schlagerpop-Album gelungen. Also sind wir beim Interview seiner Bitte (geäußert im Hammer-Song „Leg jetzt bloß nicht auf“) sehr gerne nachgekommen. Auch wenn er sich gerade auf einer Fahrt durch „vermintes Gebiet“ (Andreas Martin) befand, hat er im Gespräch keinen Hehl um seine Meinung gemacht. Und dabei durchgängig mit sympathischer Art und beherztem Lachen jegliche Radarfallen ins Leere knipsen lassen. Einfach gut, der Mann!

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Großer Schlagerkünstler: Andreas Martin (fan-lexikon.de)

Großer Schlagerkünstler: Andreas Martin (fan-lexikon.de)

amusio: „Was hat den gebürtigen Berliner ins Bergische verschlagen?“

Andreas Martin: „Mein Vater war Kapellmeister beim Rundfunkorchester Ostberlin. Aber, gerade auch wenn er einen intus hatte, hat er seine Klappe immer sehr weit aufgerissen. Na, und dann hieß es: Pass auf, sonst geht es für dich nach Bautzen. Also haben wir mit zwei Koffern bei Nacht und Nebel rüber gemacht, das war 1958, da war ich fünf Jahre jung.“

amusio: „Ihre musikalische Sozialisation nahm also in Westdeutschland ihren Lauf?“

Andreas Martin: „Genauer gesagt: in der Kölner Szene.“ (lacht mit vielwissender Andeutung)

amusio: „Das neue Album ist perfekt ausbalancierter Schlagerpop. Ist es leichtgefallen, es zu schreiben und aufzunehmen?“

Andreas Martin: „Vor allem hat es riesigen Spaß gemacht. Ich kann ja zum Glück auch vieles selbst bestimmen, ich spiele meine eigenen Gitarren. Aber das mit dem Schreiben gestaltet sich nicht immer so einfach. Leichtigkeit passiert nicht jeden Tag, nicht jeden Tag küsst einen die Muse. Und was habe ich schon an Material wegwerfen müssen, weil es einfach nicht funktioniert hat! Aber da brauchst du Geduld, am nächsten Tag ist die Muse vielleicht schon wieder deine Freundin.“

amusio: „Apropos Freundschaft. Von all den Kooperationen, die Sie eingegangen sind, welche ist Ihnen davon die liebste?“

Andreas Martin: „Oh, was soll ich dazu sagen? Da brauche ich mal einen Moment zum Nachdenken.“

amusio: „Bitte.“

Andreas Martin: „Die Arbeit mit Brunner und Brunner war die vielleicht schönste unter zahlreichen anderen schönen Kooperationen. Das war sehr intensiv, durch und durch freundschaftlich geprägt und im Ergebnis sehr erfolgreich.“

amusio: „Und die Zusammenarbeit mit Wolfgang Petry?“

Andreas Martin: „Die hat aufgrund einer dummen, unschönen Sache ein Ende genommen. Das ist sehr schade, denn mit Wolfgang Petry war ich jahrzehntelang befreundet, wir haben gemeinsam viel erschaffen und gestemmt. Aber, na ja…“

amusio: „Kommen wir zurück auf den Künstler Andreas Martin. Ein Künstler, der es unter seinem eigenen Namen bis dato noch nie bis an die Spitzen der Charts geschafft hat. Haben Sie vielleicht den von Ihnen produzierten Künstlern selbstlos den Vortritt gelassen?“

Unwiderstehlich, auch "Für dich" (Ariola / Sony Music)

Unwiderstehlich, auch “Für Dich” (Ariola / Sony Music)

Andreas Martin: „Was heißt hier Vortritt lassen?! Wenn ich für andere Interpreten schreibe oder produziere, dann ist es mein Ziel, deren Eigenheiten gerecht zu werden und diese Eigenheiten weiter zu entwickeln. Ich habe es als Solokünstler Andreas Martin vielleicht versäumt, immer auf das Kommerzielle zu setzen. Vielfach wurde ich abgelehnt mit der Begründung, ich sei nicht kommerziell genug.“

amusio: „Wie das?“

Andreas Martin: „Beim Rundfunk werde ich nicht abgelehnt, da bin ich, wie man so sagt, gut aufgestellt und werde oft gespielt. Was allerdings mit der Zeit auch nicht leichter zu bewerkstelligen ist, da die Sender wieder verstärkt auf ausländische Musik und vor allem auf Oldies setzen. In die Playlisten zu gelangen, das fällt verdammt schwer, doch diese Tendenz wird sich von selbst wieder ausgleichen. Aber das Fernsehen, Carmen Nebel oder Florian Silbereisen, das funktioniert für Andreas Martin nur suboptimal. Wahrscheinlich bin ich denen zu groß, zu dick, zu alt, was weiß ich? Einerseits liegt es an den Redaktionen, die keine Ahnung von dem haben, was die Zuschauer wirklich sehen wollen und nur auf die Daten der Marktforschung starren. Andererseits kann ich optisch mit Helene Fischer nicht konkurrieren. Da zitiere ich halt den Götz und gut ist.“

amusio: „Das ist Geschmackssache. Doch wie erklärst du dir den immensen Erfolg von Helene Fischer oder auch Andrea Berg?“

Andreas Martin: „Andrea Berg hat das gewisse Etwas in ihrer Stimme, das Millionen anspricht. Doch auch sie wird nicht jünger, und da liegt Helene Fischer naturgemäß im Vorteil. Helene Fischer verdankt ihren unglaublichen Erfolg dem Wunsch, sie streicheln zu wollen und der von ihr ausgelösten Suggestion, sie auch mal streicheln zu können. Aber ich finde das super, dass Schlagermusik heute wieder so gefragt ist. So gefragt wie vielleicht noch nie zuvor.“

amusio: „Und was ist mit den Haudegen wie Howard Carpendale, Roland Kaiser oder auch Heino? Haben die sich neu erfunden?“

Andreas Martin: „Mit Heino habe ich vor Jahren den Enzian-Rap produziert. Das war interessant, aber damals gab es einfach noch nicht genügend bekanntes Songmaterial, um es im Sinne von Heino umzugestalten. Seine momentane Nummer ist eine lustige und gut umgesetzte Idee, aber ich fürchte, sie wird sich nicht wiederholen lassen. Zu Howard Carpendale kann ich nicht viel sagen, nur soviel: Ich finde es bedauerlich, wenn jemand sein Team, mit dem er über dreißig Jahre lang erfolgreich zusammengearbeitet hat, einfach so verlässt. Mit 67 muss man sich nicht neu erfinden, das ist völliger Quatsch!“

amusio: „Aber Sie sind  ja auch nicht mehr der Jüngste. Wie gehen Sie damit um, zumal Sie sich anscheinend nicht neu erfinden möchten?“

Andreas Martin: „Indem ich mich um andere Künstler kümmere. Zuletzt hatte ich eine junge Frau am Start, die wirklich toll singt. Dann habe ich vorproduziert, doch bei den angefragten Institutionen hieß es dann, der Markt sei mit weiblichen Sängerinnen übersättigt. Das lasse ich mal so stehen, mal schauen, was sich da noch so tut. Aber da habe ich noch einen jungen Burschen, der mich, als ich ihn zum ersten Mal habe singen hören, total umgehauen hat. Dreißig Jahre lang habe ich eine solche Stimme, eine rockige Schlagerstimme, gesucht. Der Name wird noch nicht verraten, doch: Ihr werdet schon sehen – und hören.“

amusio: „Wir sind gespannt. Aber – wie läuft denn Ihr neues Album nun so an?“

Andreas Martin: „Ich befinde mich gerade auf einer Promotion-Tour, mit Autogrammstunden et cetera. Unglaublich, wie viele Leute dort kommen! Und dann: Haben wir nicht mehr genügend Tonträger zum Signieren parat! Es freut mich natürlich tierisch, dass es so gut läuft, aber manchmal muss ich improvisieren und noch die letzten, dem Eigenbedarf entstammenden Exemplare lockermachen, um sie signieren zu können. Aber das ist natürlich großartig!“

amusio: „Großartig wie das Objekt der Begierde. Wann erscheint Ihre Biografie?“

Andreas Martin (lacht laut auf): „Meine was?! Na, meine Biografie wird tagtäglich aktualisiert. Doch ich habe mal einen Award, den Ballermann-Preis, für mein Lebenswerk erhalten. Da musste ich bei aller Rührung und Dankbarkeit doch sehr sehr lachen. Lebenswerk?! Sollte ich nun ins Gras beißen, den Löffel abgeben, ins Grab steigen?! Ich weiß, dass viele Kollegen ihre Memoiren veröffentlichen. Dafür habe ich im Moment keine Zeit. Doch sollte es einmal soweit sein, werde ich `amusio´ zum Ghostwriter machen.“

Vielen Dank Andreas Martin für das amüsante und vertrauensvolle Gespräch. Man sieht sich!

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