Sorgsam verhaltenes Grauen: Chvad SB

Verlust und Resignation als Chance

Am 30. Juni erscheint das in einem jahrelangen Vorlauf entstandene Album „Crickets Were The Compass“ (Silber/Facility Records) des in Brooklyn beheimateten (Film-) Musikers und Klangforschers Chvad SB. In entbeinter Schwermut schwelgend und sich beiläufiger Simplifizierung souverän entziehend, liegt ein beeindruckendes Werk vor, das zwischen Dark Ambient und Old-School Industrial oszillierend eine Überfülle an Ideen dem Wettlauf gegen die (Lauf-) Zeit aussetzt. Verhaltenes Grauen, gediegene Ohnmacht und das große Warum im Modus des Verlustes. Dieser Kompass weist vom diffusen Diesseits hinaus ins Unbenennbare.

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Wer wirft jetzt das Bällchen? (Silber Records / Facility Records)

Wer wirft jetzt das Bällchen? (Silber Records / Facility Records)

Schon seit 1991 reüssiert Chvad SB in Industrial/Ambient-Kreisen mit verstörenden Soundscapes und extrem angelegten Soundtracks zu entsprechend extremen Independent-Filmen („Gut“). Wie es in der Szene zum guten Ton gehört, nahm Chvad SB über die Jahre hinweg variable Identitäten und Kooperationen an (Tongue Muzzle, The Qualia bis hin zu den Industrial-Dub- Pionieren um Paul Lemos, Controlled Bleeding). Bei „Crickets Were The Compass“ gehen Mensch und Werk jedoch eine vernehmlich enge Symbiose, eine Identität ein. Sehr intim, sehr persönlich und absolut frei in der Wahl der Mittel, gelingt Chvad SB ein Seelenbild, das betroffen macht und permanent beunruhigt, denn: Es könnte jeden treffen.

Das Verfahren, rein improvisierte Passagen mit in jahrelanger Akribie entstandenen und vorab konservierten Elementen zu amalgamieren, zahlt in die auffällige Direktheit ein, mit der das Album seine Wirkung entfaltet. Kaum neigt der Hörer zu der Ansicht, es mit recht simpel erzeugten Soundscapes  zu schaffen zu haben, regt sich schon wieder der gegenläufige Verdacht, dass es sich um ein hochgradig artifizielles und überaus komplex arrangiertes Sammelsurium aus Klang gewordener Entfremdung handelt.

Tiefschürfend: Chvad SB (Silber Records / Facility Records)

Tiefschürfend: Chvad SB (Silber Records / Facility Records)

Chvad SB spricht das Gefühl sowohl über den Intellekt als auch über die physische Erfahrung an. Wenn auf die Magengrube abzielende Passagen in minimal gehaltene Momente der Innenschau münden, zeichnet sich eine Ahnung von unmittelbarem Verständnis ab: „Barely audible through the dusty road / floating in the beams of light, particles drift“, beschreibt es Chvad SB selbst, im Zusammenhang mit den Track „The Dust Cloud Permeates“.

Es geht ihm ganz offensichtlich nicht um die Erzeugung von maximalen Affekten durch die Verwendung allzu berechenbarer Mittel. Die sich daraus ergebene Tendenz zur Reduktion und Konzentration verbietet auch nur den zartesten Anflug von Beliebigkeit. Kein „Hören mit Schmerzen“, vielmehr ein Erleben sorgsam verhaltenen Grauens unter klar akzentuierten Voraussetzungen und Vorzeichen, die gemeinhin allzu gerne verdrängt werden. Verlust und Resignation als Chance. Sehr zu empfehlen.

youtube.com/watch?v=arH0_txSZls

chvad.com
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soundcloud.com/chvad
silbermedia.com/chvadsb
creative-eclipse.com

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