Interview mit Reinhold Friedl (zeitkratzer)

„Wir machen keine experimentelle Musik“

Seit seiner Gründung 1997 beseelt das Berliner Ensemble zeitkratzer international und intentional hochgradig diversifizierte Musikkulturen. Dabei tragen die genuin unkonventionellen Modi Operandi, mit denen sich Zeitkratzer bereits vorhandener Musik annimmt, wie auch die vollkommen vorurteilsfreie Auswahl des Ausgangsmaterials entscheidend zum Gelingen bei. Aktuell steht insbesondere die VÖ einer Neueinspielung von Lou Reeds „Metal Machine Music“ im Fokus eines breiten Medieninteresses. Nur ein Grund mehr, bei Reinhold Friedl einmal nachzuhorchen, was ihn und die von ihm geleiteten Zeitkratzer ausmacht und antreibt.

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Reinhold Friedl (JGern)

Reinhold Friedl (Joachim Gern)

amusio: „Herr Friedl, heute Abend beginnt in Berlin das renommierte Atonal Festival. Neben Alec Empire oder Kreidlers Andreas Reihse tragen Sie zur Eröffnungsveranstaltung bei. In welcher Form?“

Reinhold Friedl: „Ich werde sozusagen mein Debut als DJ geben (lacht). Auf Anregung von Max Dax werde ich gemeinsam mit den Kollegen versuchen, das gegebene Lounge-Ambiente mit einer, wie wir finden, trefflichen Musikauswahl im Sinne von  ,Non-Functional Bar Music‘ stilvoll zu ergänzen. Mit zeitkratzer hat das erstmal nichts zu tun.“

amusio: „zeitkratzer versteht es, vermeintlich atonale Musik für ein neunköpfiges Gefüge zu transponieren und unter musikalisch alternativen Rahmenbedingungen zu arrangieren. So stellt sich die Frage nach Sinn und Zweck der Terminologie. Kann Musik also überhaupt atonal sein, oder dient dieser Begriff nicht vielmehr als ein Passepartout für Musik, die sich den tradierten Hörgewohnheiten verweigert?“

Reinhold Friedl: „Ich verwende diesen Begriff schon seit Jahren nicht mehr. Musikhistorisch kam der Begriff als Negation der Tonalität auf, als „nicht-mehr-auf-einen-Ton-bezogen“ und damit der Abkehr von der Funktionsharmonik. Und in diesem Sinne sind die meiste experimentelle Musik oder Noise nicht atonal, da sie sich überhaupt nicht auf Töne beziehen, sondern erweitertes musikalisches Material verwenden, Geräusche, etc…“

amusio: „So auch bei Lou Reeds ,Metal Machine Music‘. Dem Vernehmen nach hat Luca Venitucci maßgeblich dazu beigetragen, die Reedschen Feedbackorgien in eine Notation zu übertragen.“

Reinhold Friedl: „Luca Venitucci zeichnet aus, kann phantastisch Tonhöhen hören. Bei Metal Machine Music war er es, der die Stimmung der Gitarren, die im Original das Feedback erzeugen, hören konnte. Und als ich dann Lou Reed sagte, dass  seine Gitarren wohl auf einen einzige offenen Quinte gestimmt waren, hat ihn das umgehauen. Die Notation der Einzelheiten des Stückes hat dann das ganze Ensemble in Teamarbeit in dreitägigen Proben bewältigt, was sicherlich nur möglich war, da all Musiker über erweiterte Spieltechniken auf ihren Instrumenten verfügten und wir uns zudem als Ensemble bereits intensiv mit dem Problem der Notation von Geräuschmusiken beschäftigt hatten: ohne die Erfahrungen der Arbeit mit Merzbow, Zbigniew Karkowski, Lee Ranaldo, Carsten Nicolai oder John Duncan hätten wir das Projekt so sicherlich nicht machen können.

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