Interview mit Afonso Dorido (indignu)

„Wir wollen nicht um jeden Preis nicht-portugiesisch klingen“

Das letztjährig erschienene Album „Odyssea“ erweist sich seines Namens würdig. Denn nach wie vor erschließt das Zweitwerk der im nord-portugiesischen Barcelos ansässigen Postrock-Formation indignu immer breitere Hörerschichten und will damit scheinbar kein Ende nehmen. So wurde jüngst neben der Deluxe CD-Edition sogar eine Version auf Compact Cassette aufgelegt. Doch das kommt nicht von ungefähr: Denn wer sich mit „Odyssea“ auf die Reise begibt, der wird – währenddessen und anschließend – bestätigen wollen, dass das Album mit einer Abwechslungsvielfalt und Ereignisfülle aufwartet, die es durchaus mit der Rückkehr vom Trojanischen Krieg aufnehmen kann, so auch hier manch bedrohlich anmutende Passagen zu durchlaufen sind. Bandchef Afonso Dorido reflektiert Wesen und Werden seines weiterhin aufstrebenden Projekts bei einem, wie in Portugal üblich, hochwertigen Cafezinho.

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Aus Barcelos mal eben in Braga: Afonso Dorino (Stephan Wolf)

Aus Barcelos mal eben in Braga: Afonso Dorido (Stephan Wolf)

amusio: „Afonso, die ,Odyssea‘ dauert im übertragenen Sinne nun schon beinahe zwei Jahre an. Wird es  nicht langsam mal Zeit für die Fortsetzung im Sinne eines Nachfolgers?“

Afonso Dorido: „Sicher erweist es sich für eine junge Band normalerweise nicht als besonders förderlich, wenn die Intervalle von Veröffentlichungen zu lang gefasst werden. Aber da die Band nun einmal noch nicht aus Vollzeit-Musikern besteht, genießen die anderen wichtigen Dinge des Lebens ab und an nun einmal Vorrang. Andererseits verspüren wir hinsichtlich der Dringlichkeit einer weiteren Veröffentlichung keinerlei Druck. Denn wider Erwarten verkauft, und ich betone: verkauft sich ,Odyssea‘ nach wie vor unerwartet gut. Was für uns bedeutet, dass fast täglich ein Exemplar angefordert wird oder die Artefakte anlässlich unserer Konzerte häufig den Besitzer wechseln. Darum auch unsere Sondereditionen. Wir sind nach wie vor sehr zufrieden und auch ein wenig stolz auf dieses Album, und dem tragen wir Rechnung, wenn man so will auch dadurch, indem wir uns mit einem Nachfolger bewusst alle Zeit der Welt lassen.“

amusio: „Ihr habt euch explizit dem melodiefixierten Postrock verschrieben, den man, um beim globalen Ausmaß Eures Schaffens zu bleiben, durchaus als Weltmusik bezeichnen kann. Und dies wohl vor allem aufgrund des überwiegenden Verzichts auf Text und Gesang. Renommierte Postrock-Bands stammen inzwischen aus Russland oder Indonesien. Inwiefern spielen Eure portugiesischen Wurzeln im Zusammenhang mit Postrock eine Rolle?“

Afonso Dorido: „Neben ,The Allstar Project‘ aus Leiria haben wir uns als ernstzunehmender portugiesischer Postrock-Act etablieren können, wenngleich wir im Vergleich zu unseren Kollegen stellenweise offensiver portugiesisch klingen. So gehört etwa die portugiesische Gitarre zu unserem Instrumentarium, doch wir verwenden sie sehr punktuell, sachdienlich, bewusst sparsam. Andererseits ist es auch nicht unsere Absicht, auf Biegen und Brechen unsere Herkunft zu verleugnen. Wir wollen nicht um jeden Preis nicht-portugiesisch klingen.“

amusio: „Wobei die oftmals melancholische und zugleich entrückt sehnsuchtsvollen Soundgemälde des Postrocks doch gut zur angeblichen Mentalität der Portugiesen passt.“

Afonso Dorido: „Naja, ich habe angesichts der hiesigen Fülle an mieser Pimba-Schlager-Musik ganz andere Rückschlüsse auf die mentale Beschaffenheit meiner Landsleute gezogen, vor allem als ich in jungen Jahren den Punkrock und die damit verbundene Rebellion für mich entdeckte. Ich denke, dass an dem Klischee des Fado-trunkenen Portugiesen, der den Tag damit verbringt, aufs Meer zu starren, ebenso viel oder wenig stimmt, wie mit dem des Deutschen, der nur ans Arbeiten denkt. Davon abgesehen, ist es nun einmal so, dass Portugal allein schon aufgrund seiner geografischen Lage etwas außen vor liegt, wir sind sicher nicht der Nabel der Welt. Nicht mehr (lacht). Wer als portugiesischer Musiker außerhalb Portugals oder meinetwegen auch Brasiliens wahrgenommen werden will, der kann also entweder den Exoten-Bonus wählen, oder aber, so wie wir, versuchen, sich von den nun einmal gegebenen Umständen nicht allzu sehr beeindrucken zu lassen.“

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