Töne aus den Staaten: Maryland

Eine eher beiläufige Verwandtschaft: Zwei Violinkonzerte von Philip Glass

Genau genommen wurde er in Europa populär durch seine Filmmusik zur Trilogie von Godfrey Reggio, die sich über 26 Jahre hinzog, angefangen bei Koyaanisquatsi bis zu Naquyqatsi (2002), die sozusagen die New Age Bewegung begründeten: Philip Glass, Jahrgang 1937, aus Marylands größter Stadt Baltimore studierte in New York und Paris Klavier und Komposition, nachdem er bereits ein Studium der Mathematik und Philosophie in Chicago absolviert hatte. Er stand zunächst unter serialistischem Einfluss, bis er parallel zu Steve Reich, La Monte Young und Terry Riley den Minimalismus zu etablieren begann. Bald galt er als Hauptvertreter dieser Richtung. Die additive Reihung kleinster rhythmischer und melodischer Einheiten bildet dabei nur den Vordergrund; wesentlich sind das Changieren der tonalen Zentren und die fast unmerklichen Eindrücke sich ändernder Zeitverläufe, die sich durch minimale, allerdings entscheidende rhythmische Verschiebungen ergeben.

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Das London Philharmonic Orchestra unter Leitung von Marin Alsop spielt Glass' 2. Violinkonzert mit Robert McDuffie, dem es gewidmet ist (Orange Mountain Music 2010, B00FY3BY0S).

Das London Philharmonic Orchestra unter Leitung von Marin Alsop spielt Glass’ 2. Violinkonzert mit Robert McDuffie, dem es gewidmet ist (Orange Mountain Music 2010, B00FY3BY0S).

Zwischen den beiden Violinkonzerten, die ihm am Herzen lagen, da er als Kind zuerst die Geige zu spielen erlernt hatte, liegen 22 Jahre: Dasjenige von 1987 gilt gleichzeitig als sein erstes größeres Orchesterwerk. Er griff damit – fast im Gegensatz zu seinen bisherigen Kompositionen, die vor allem dem modernen Ausdruckstheater, Tanz und Film gewidmet waren – auf ein ganz traditionelles Genre zurück und folgte der Konvention auch durch die dreisätzige Anlage. Ursprünglich waren allerdings fünf kurze Sätze vorgesehen gewesen, zu denen der Geiger Paul Zukofsky, für den Glass das Konzert schrieb, ein langsames Finale in hoher Lage vorgeschlagen hatte. Der ursprünglichen Konzeption kam Glass aber entgegen, indem er das schnelle Finale mit einer langsamen Coda versah. Er selbst hielt das Violinkonzert für theatralischer und persönlicher als es eigentlich für die Gattung typisch sei.

Philip Glass 1993 in Florenz (Pasquale Salerno - Flickr)

Philip Glass 1993 in Florenz (Pasquale Salerno – Flickr)

Das zweite Violinkonzert geht auf einen denkwürdigen Anlass zurück: Der Violinist Robert McDuffie hatte Glass um ein Konzert gebeten, das er gleichzeitig in einem Abendprogramm mit Antonio Vivaldis Vier Jahreszeiten aufführen könnte. Eher in Ergänzung zu der barocken Komposition entstanden so The American Four Seasons. Die Uraufführung ging noch im Dezember 2009 mit McDuffie über die Bühne und begeistert seither das Publikum. Unterschiedlicher können zwei Werke desselben Genres von ein- und demselben Urheber, abgesehen von der erheblichen Zeitspanne zwischen beiden, kaum ausfallen: Hier ein dramatisch pulsierendes Hauptwerk des Minimalismus, dort der Versuch in barocker und gleichzeitig hochromantischer Manier der spezifischen Satzkunst Antonio Vivaldis zu größerer Abstraktion neigende Violinsoli an die Seite zu stellen …

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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