Tiento von Thomas Köner

Weiß wie Schnee, kalt wie Eis, heiß wie Wüstensand

Die Reinheit des Schnees sowie Expeditionen im ewigen Eis dominieren nach wie vor die thematischen Aufhänger für die Arbeiten des „Media Artist“ Thomas Köner. Mit „Tiento de las Neves“ (Denovali/Cargo) transferiert er seine vergeistigte Passion für die Suggestionen des Endlosen in (ant-) arktischen Gefilden auf das von ihm zuvor eher gemiedene Piano. Dabei greift er auf den iberischen Tiento des Frühbarocks zurück – und somit auf eine bewusst zurückhaltende Notation, die, zwischen Improvisation und Ordnung vermittelnd, auf dieser Veröffentlichung Klangräume erschließt, wie sie – im Sinne einer Anmutung – lautmalerisch kaum näher an die oberflächigen Formationen des Permafrosts gelangen könnten. Aber nicht zwangsläufig ausschließlich.

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Die Pianistin fotografiert Thomas Köner (Ivana Neimarevic)

Die Pianistin fotografiert Thomas Köner (Ivana Neimarevic)

Die serbische Pianistin Ivana Neimarevic überträgt den Tiento aus der Feder Thomas Köners mit dem Verständnis einer langjährigen Wegbegleiterin. Die Vorgabe interpretiert sie zwischen Essay und Traktat und verschafft so der 68-minütigen Hommage an Fridtjof Nansen („In Nacht und Eis: Ein Reisebericht einer Expedition des Schiffs Fram 1893-96, und einer fünfzehnmonatigen Schlittenreise“) eine Ubiquität, die es letztlich dem Hörer überlässt, ob und inwiefern Kälte und Klarheit, Einsamkeit und Forscherdrang tatsächlich die Kontrolle über die assoziative Leistung übernehmen.

So sehr Thomas Köner sein Konzept auch thematisiert und er nicht zuletzt bei der Cover-Gestaltung keinen Zweifel an seiner transponierten Metaphysik des Eises lässt, so wenig mag dies denjenigen beeindrucken, der bei diesem Tiento Gedanken an die Sahara auf- oder abruft. So rückt statt der Kälte das Gleißen in den Fokus des wortwörtlich raumgreifenden Ambients, den der „Tiento de las Nievas“ aufbereitet und ausgestaltet.

Thomas Köner, "Tiento de las Nieves" (Denovali)

Thomas Köner, “Tiento de las Nieves” (Denovali)

Es würde einer akribischen Analyse bedürfen, das (Ant-) Arktische Köners restlos etwa von der Weltraum-Musik eines Brian Eno zu scheiden. Oder von den gar personenbezogenen Zurückhaltungen eines Avro Pärt („Für Alina“).

Wenn zur 43. Minute ein Akkord einen gar melodischen Fluss andeutet, dann tut sich was am Horizont, ganz gleich ob Gletscherbruch oder Fata Morgana. Mit Beliebigkeit hat der „Tiento de las Nievas“ aufgrund der gegebenen Partitur selbstverständlich nichts gemein; dass allein dem Hörer Urteilskompetenz hinsichtlich eines sinnstiftenden oder auch nur bildhaften Einsatzes dieser Aufnahme obliegt, steht gleichermaßen außer Frage.

thomaskoner.com
denovali.com

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