Das “Weiße Rössl” in Lübeck: “Da ka’ mer gut lustig sein”

In der Lübecker Altstadtgasse Kolk tanzten am vergangenen Freitag wieder einmal die Puppen. Auf dem Spielplan des dort seit den siebziger Jahren etablierten Puppentheaters – seit 2007 Figurentheater Lübeck, zuvor Marionettentheater Fritz Fey – stand die bekannte Operette „Im weißen Rössl“.

Dargeboten von einer singenden Puppenspielerin, Silke Technau und einem singenden Puppenspieler, Stephan Schlafke, sowie zehn von ihnen bewegten Marionetten nebst allerlei Bergwelt aus Pappe.

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Im Mittelpunkt natürlich auch in Lübeck: der Zahlkellner Leopold Brandmeyer und die von ihm angehimmelte Wirtin Josepha Vogelhuber.

Das Figurentheater Lübeck im Kolk (rechts). Foto: Frank Behrens

Wer die Operette „Im weißen Rössl“ erwähnt, erntet meist nur eine Gegenfrage: „Ist das nicht diese Heimatschnulze mit Peter Alexander?“ Ja, das stimmt, die gibt es auch. Die Verfilmung von 1960 mit Peter Alexander in der Rolle des Zahlkellners Leopold und Waltraud Haas als Wirtin Josepha Vogelhuber prägt bis heute den Blick auf das von Ralf Benatzky und Erik Charell 1930 geschriebene Singspiel. Dass das „Weiße Rössl“ nach 1933 in Nazi-Deutschland zeitweise gar mit einem Aufführungsverbot belegt war, ist hingegen gänzlich unbekannt.

Dem NS-Regime waren nicht nur der jüdische Glauben Charells und anderer Beteiligter ein Dorn im Auge – der jazzige Klang einiger Lieder, aber auch einige Szenen der Operette hatten den Groll der völkischen Sittenwächter erregt: zu nennen ist etwa das gemeinsame Bad von Sigismund Sülzheimer und Klärchen Hinzmann im Wolfgangsee („Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist?“). Elemente wie diese wurden dem Stück von den Nazis genommen und auch in der Filmfassung von 1960 nicht wieder hinzugefügt. Eine harmlose Heimatrevue war das Ergebnis und der zweifelhafte Ruf, den das „Weiße Rössl“ bis heute zu tragen hat.

Ganz in der Tradition der Berliner Geschwister-Pfister-Aufführung von 1994 stehend orientiert sich die Lübecker Version bewusst am Original von 1930. Und so darf der Berliner Trikotagenfabrikant Wilhelm Giesecke mürrisch die Bergwelt des Salzkammerguts verunglimpfen („Wär’ ick doch bloß nach Ahlbeck gefahren!“ oder: „Der Müggelsee is’ mir lieba’!“) und zugleich die gesungene Werbung der Wirtin („Im Salzkammergut, da ka’ mer gut lustig sein“) ertragen. Dass seine Tochter Ottilie, die ihn überhaupt erst zur Reise in die Berge gedrängt hatte, sich ausgerechnet in Dr. Otto Siedler, den Anwalt seines Konkurrenten Sülzheimer (Vater des Sigismund) verliebt, kann ihn da auch schon nicht mehr wirklich umhauen. Keine Frage auch, dass am Ende auch Leopold die von ihm angehimmelte Wirtin bekommt („Es muss was Wunderbares sein, von Dir geliebt zu werden“).

Silke Technau und Stephan Schlafke spielen das Stück routiniert, aber nicht ohne Witz. Die rund 100 Besucher im auserkauften Figurentheater waren begeistert. Die Texte sitzen, der gebürtige Berliner Schlafke darf sowohl in seinem Heimatdialekt wie auch im Idion des Salzkammerguts glänzen. Und passiert mal ein kleines Malheur auf der Bühne, wie ein Schwamm, der fällt, wie er nicht soll, wird dies elegant weggespielt. Kein Wunder bei Puppenspielern, die zugleich als Kartenabreißer und Platzanweiser fungieren.

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Über Frank Behrens

Frank Behrens arbeitet als freier Journalist in der Nähe von Hamburg. Noten kann er keine lesen, aber Musik hören. Am liebsten Rock und Blues.

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