Italienischer Hochbarock in der Erfurter Michaeliskirche

Eine veritable Weihnachtsmusik

“Per la notte di natale” lautete treffsicher das Motto, das Andreas Schulik und sein Ensemble Barock am Freitag dem überwiegend vom italienischen Hochbarock geprägten Konzert am 26. Dezember 2014 in der klangidealen Michaeliskirche voranstellten. Solistisch kamen die Blockflötistin Almut Freitag und Susanne Herre, die sowohl virtuos Gambe und Laute als auch die Mandoline beherrscht, hinzu. Mit diesem im Konzertbetrieb eher selten gehörten Instrument trat Susanne Herre gleich zur Eröffnung im Altarraum der festlich erleuchteten und bis auf den letzten Platz besetzten Kirche um 20 Uhr mit Vivaldis Concerto per mandolino, archi e basso (RV 425) auf.

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Eine Barockmandoline, ähnlich der hier gezeigten von Stradivari aus dem Jahr 1680 erklang am 26.12.2014 in der Erfurter Michaeliskirche. (Larry Jacobsen, Stradivarius mandolin 1680)

Eine Barockmandoline, ähnlich der hier gezeigten von Stradivari aus dem Jahr 1680 erklang am 26.12.2014 in der Erfurter Michaeliskirche. (Larry Jacobsen, Stradivarius mandolin 1680)

Beide Solistinnen haben ihr Spiel an Hochschulen in den Niederlanden perfektioniert, in denen ähnlich wie in Großbritannien eine rege Alte-Musik-Szene ohne Ermüdungserscheinungen agiert. Susanne Herre studiert nach ihrem Abschluss an der Musikhochschule Köln zur Zeit Theorbe und Gambe in Den Haag, Almut Freitag kann auf Flötenstudien in Masstricht und Zwolle zurückblicken. Die hohen technischen Hürden der Konzerte dieses Abends wurden von beiden spielerisch, mit Heiterkeit und großer künstlerischer Souveränität genommen.

Vivaldis Konzerte leben von Rhythmik durch Repetitionen und Doppelschläge, so auch das eher besinnliche Mandolinkonzert in C-Dur RV 425, das gerade zur winterlichen Abend- und Nachtzeit seine besondere Stimmung verbreitet. Da das Solo-Repertoire für das Zupfinstrument mit Begleitung recht begrenzt ist, handelt es sich bei Vivaldis dreisätzigem Konzert um ein gelegentlich zu hörendes Highlight. Da das Instrument in seinem Volumen etwa mit dem 8′-Register des Cembalos verglichen werden kann, wäre vielleicht eine deutlichere Verstärkung in dem weit nach oben aushallenden Vorderschiff der Kirche angebracht gewesen, um es besser zur Geltung zu bringen.

Am Abend des Zweiten Weihnachtsfeiertags 2014 trat das Ensemble Barock am Freitag mit Susanne Herre und Almut Freitag in der Erfurter Michaeliskirche auf (Michael Sander, 2011).

Abenteuerlich schwierig für den Solisten ist das mit Bravour und Lebendigkeit gemeisterte Concerto F-Dur für Sopranblockflöte, Streicher und Basso continuo des Mailänder Bläservirtuosen Giuseppe Sammartini, das in dieser Besetzung für seine Entstehungszeit eine absolute Rarität darstellt und live in Deutschland ebenso selten zu hören ist. Bekannter ist heute der Bruder des Komponisten, Giovanni Battista Sammartini. Ein ordentlicher Karriereschritt in seinem Virtuosenleben war seine Anstellung am Hof des Prince of Wales. Die tiefer resonierenden Originalinstrumente und -nachbauten, die an diesem Abend erklangen, kamen besonders “abgründig” in Arcangelo Corellis op. 6 Nr. 8 “fatto per la Notte di Natale” zur Geltung, was die Besetzung mit Violone, die Ronald Güldenpfennig spielte und mit Georg Zeike an der Viola da gamba garantierte. Corelli - mit 1653 als Geburtsdatum ältester Komponist dieses Abends - hatte sich Anfang des 18. Jahrhunderts bereits den unangefochtenen Meistertitel in der Gattung des concerto grosso vor Händel erarbeitet und manche seiner vielteiligen Beispiele zielen auch auf ein bestimmtes Programm wie am 2. Weihnachtsfeiertag das g-Moll-Konzert aus op. 6. Mit dem beschaulichen Pastorale in der Tempobezeichnung Largo als Schluss erreichte das Ensemblespiel, zu dem Anne Hoff am Cembalo mit reichem Figurenwerk und präziser Rhythmusgebung beitrug, denn auch den atmosphärischen Höhepunkt des Konzerts.

Arcangelo Corelli (1653 - 1713), der Meister des Concerto grosso, ist insbesondere auch für sein Weihnachtskonzert aus op. 6 bekannt (p.d.)

Arcangelo Corelli (1653 – 1713), der Meister des Concerto grosso, ist insbesondere auch für sein Weihnachtskonzert aus op. 6 bekannt (p.d.)

Aus der Reihe fällt hier Georg Philipp Telemann, denn in seinem Concerto a-Moll für Altblockflöte, Gambe, Streicher und Basso continuo dominieren nicht die italienischen Elemente, vielmehr lässt sich an ihm auch die Rezeption der französischen Bläsermusik ablesen, etwa diejenige Hotteterres. Die eingänge Melodik der Ecksätze kontrastiert mit der komplexen Harmonik, die den vor einiger Zeit noch gehörten Vorwurf der bloßen Unterhaltungsmusik bei Telemann endgültig entkräftet. Dies war aber vor allem das große Verdienst der Musiker dieses denkwürdigen Konzerts, die alle - hervorzuheben wären hier neben Andreas Schulik Judith Wicklein an der Barockvioline und Dorothea Vieweg an der Viola – mit berückender Ausgewogenheit im Sinne der Gleichberechtigung aller Instrumentalstimmen als ein wichtiges Merkmal der Polyphonie hochbarocker Werke spielten und an keiner noch so schwierigen Stelle Transparenz und Deutlichkeit vermissen ließen. So konnte manche in CD-Aufnahmen untergehende melodische oder harmonische Nuance wahrgenommen werden.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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