Mehrstimmig oder doch nur unisono

Was ist original an der Mittelalter-Welle?

Da aus der Epoche, die wir mit dem Fokus der Aufklärung als (düsteres) Mittelalter bezeichnen, keine mehrstimmige weltliche Musik überliefert ist, glaubten viele eine Zeit lang auch nicht an die Existenz einer solchen. Dies suchen romantikbesessene Spielleute nun auch schon seit mindestens dreißig Jahren nach Kräften zu widerlegen. Auf Stadtfesten, Jahrmärkten und Musikfestivals sind sie allerorts zu erleben – insbesondere dort, wo es das Flair der Stadt, gelegentlich mit wirklich mittelalterlicher Restarchitektur, auch hergibt. Die Ausrüstung besteht manchmal aus Nachbauten tatsächlicher Mittelalterinstrumente, die kommerziell erfolgreichsten Bands, die sich im Genre tummeln, verzichten allerdings in der Regel auf Trumscheit oder Drehleier und stellen den Dudelsackbläser als Solisten in die erste Reihe. Hier wird eher im Sinne parallel vorhandener Rockstile laut getrommelt, weitgehend ohne Kenntnis, wie Perkussion um 1200 n. Chr. wirklich praktiziert wurde.

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Die Mittelalterband Versengold setzt auf den Klang von Instrumenten, die so oder ähnlich in der mittelalterlichen weltlichen Musik zum Einsatz kamen (Thomas Heuer, Versengold 2008)

Die Mittelalterband Versengold setzt auf den Klang von Instrumenten, die so oder ähnlich in der mittelalterlichen weltlichen Musik zum Einsatz kamen (Thomas Heuer, Versengold 2008)

Wie sollten wir es auch besser wissen, wenn es keine nur andeutungsweise genaue schriftliche Überlieferung gibt? Immerhin kennen wir ja das Aussehen frühneuzeitlicher Musikinstrumente nach Virdungs Buch vor allem aus Michael Praetorius’  ausladender Bildkunde De organographia von 1618, doch handelt es sich hier ja um die Darstellung eines teils perfektionierten, teils auch brandneuen Fundus der frühen Barockzeit. Im Mittelalter, als von höherer Warte lediglich die Entwicklung in der Kirche einsetzbarer Instrumente gefördert wurde und der antike Mathematiker und Musiktheoretiker Pythagoras weiter die höchste Autorität darstellte, galt Straßenmusik wenigstens in fats ganz Europa gegenüber ihrer geistlichen Schwester ohnehin als minderwertig und Vergnügen des ungebildeten Volks. Spiel an freier Luft mochte nur in Kreisen um den Adel als vornehmer Zeitvertreib angesehen worden sein, was einmal die Jagd und die Tradition bestimmter Berufszweige wie der Troubadours, Trouvères und Minnesänger zeigen. Im vorbürgerlichen Kontext mag dies ausnahmsweise nur für Nachtwächter, Turmbläser und andere Aktivitäten von angestellten Stadtmusikanten gegolten haben.

Voreilig wäre es jedoch, den Einfluss vielstimmiger arabischer Musik, die ja seit dem 8. Jahrhundert über Spanien und im Zuge der Kreuzzugskonflikte auch nach Mitteleuropa schwappte, auf die öffentliche Musik der Dörfer und Städte und ihrer Tanzdielen zu leugnen. Ebenso strahlte sicher die Kunst der Adelshöfe, die mit der kirchlichen Entwicklung über Jahrhunderte gleichzuziehen versuchte, auch auf die Straßenmusik aus und wurde gerne imitiert. Immerhin von Spanien ist bekannt, dass polyphone Kunstmusik auch im Freien jenseits aristokratischer Sphären gespielt wurde. Die Frage, ob es mehrstimmige Musik der “einfachen Leute” gab, solange es sich nicht um einstimmige Blasinstrumente handelt, muss also klar mit “ja” beantwortet werden, denn die vielsaitige, für das Harmoniespiel und letztlich auch polyphone Stimmführung geeignete arabische Laute und ihre Imitate breiteten sich schon bald nach den Zeiten Karls des Großen rasant aus und wurde natürlich zunehmend von Handwerkern unterprivilegierter Herkunft gefertigt.

Trompette marine oder Trumscheit: Eine Vorform dieses Instruments existierte schon im Mittelalter und kam womöglich auch in der weltlichen Musizierpraxis vor(Paris, Musée de la Musique, p.d.).

Trompette marine – Trumscheit: Eine Vorform dieses aus dem Orchester verschwundenen Instruments existierte schon im Mittelalter (18. Jh.; Paris, Musée de la Musique, p.d.).

Gerade das italienische Trecento und die Entwicklungen in England seit dem Ende des 14. Jahrhunderts weisen auf eine Ausprägung des Terzklangs und bevorzugter anderer Harmoniebildungen schon im ausgehenden Mittelalter hin. Guillaume Dufay (ca. 1400 – 1474) war etliche Generationen nach dem Tiroler Raubritter Oswald von Wolkenstein und seinen schreibenden hochmittelalterlichen Bundesgenossen im Anschluss einer der ersten Kirchenmusikkomponisten, die bewusst nebenbei auch weltliche Lieder mit Begleitungsnotation verschriftlichten.

Beide Legenden dürften somit widerlegt sein: erstens die ältere, es habe zwischen dem 6. und 15. Jahrhundert nur unisono vorgetragene einstimmige weltliche Musik gegeben, zweitens die etwas jüngere der Mittelalterbewegung, die behauptet, so oder ähnlich wie heute üblich wäre in den dunklen Jahrhunderten gespielt worden. Vielmehr handelt es sich hier um eine Mixtur aus Pop- und Rockstilen, Renaissancepolyphonie (Enya, Vangelis … ), Barockmusik und neuzeitlicher Liedermacherkunst.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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