Belcanto aus Sizilien

Am Fuß des Ätna

Einer der legendenumwobenen Meister des frühen Belcanto wurde zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts in der seinerzeit florierenden Hafenstadt Catania geboren: Vincenzo Bellini (1801 – 1835). Sein allzu kurzes Leben steht im Widerspruch zum Ruhm, der ihn bereits zu seinen Lebzeiten erreichte. Denn mit seiner dritten Oper Il pirata, die in Mailand 1827 veröffentlicht wurde, katapultierte er sich schlagartig in die ersten Ränge der italienischen Opernkomponisten nach Rossini, unter dessen Einfluss er seit dem Anfang seiner Komponistenkarriere stand. Die Handlung des Schauerdramas leitet sich aus einem Bühnenstück des Iren Charles Robert Maturin her, in dem ein Panorama fast übermenschlicher Leidenschaft aufgespannt wird. Obwohl sonst sparsam eingesetzt finden sich hier auch Beispiele für die gesangliche Koloraturmode.

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Mutmaßlich die bekannteste Persönlichkeit Siziliens: Vincenzo Bellini (1801 - 1835, Porträt im Civico Museo Bibliografico Musicale Bologna, p.d.)

Mutmaßlich die bekannteste Persönlichkeit Siziliens: Vincenzo Bellini (1801 – 1835, Porträt im Civico Museo Bibliografico Musicale Bologna, p.d.)

Treffend charakterisierte später Giuseppe Verdi, was einen wesentlichen Zug seines Vorbilds Bellini ausmachte: die ausgedehnte Melodik insbesondere der Schlussarien. Ein Musterexempel hierfür ist Aminas Arie in La somnambula (1831), ursprünglich einem Ballett-Szenarium von Eugène Scribe, das sich in Rousseaus idealisierter Sphäre der Schweizer Bergwelt auf der bewährten Folie des arkadischen Hirtenlebens abspielt. Ganz anders als bei Rossinis Verfahren steigert sich hier die Melodik auf das Ende hin, während sie herkömmlicherweise das mit den ersten acht oder sechzehn Takten vorgegebene Thema abwandelt. Anders als Rossini bevorzugte Bellini eine einfache innige Gesangssprache.

 

Straßenszene mit Musikern in der Innenstadt von Bellinis Heimatstadt Catania (H.-P. Mederer, 2015)

Straßenszene mit Musikern in der Innenstadt von Bellinis Heimatstadt Catania (H.-P. Mederer, 2015)

Die heute am häufigsten gespielte Oper Norma (1831) folgte auf dem Fuße. Wiederum arbeitete Bellini hier mit dem bewährten Librettisten Felice Romani zusammen. Den Hintergrund gaben die Schlachten zwischen Kelten und Römern in Galliens (damals) unwirtlichen  monderhellten Wäldern ab. Das Fiasko der Uraufführung sollte sich nicht wiederholen; schon nach kurzer Zeit galt das Musikdrama mit seinen Kantilenen und der Integration des Koloratur in die Phrasenbildung als Vollendung der Tragedia lirica schlechthin. In seinem letzten Werk I Puritani (1835), das er in Paris schuf, erreichte Bellini schließlich – diesmal in Kooperation mit Carlo Pepoli – eine bisher nicht gekannte einheitliche Form; gleichzeitig berückt die gefühlvoll-sanfte und auch stürmisch vorwärtsdrängende Leidenschaftlichkeit der Arienmelodik.

Monument mit der Skulptur Vincenzo Bellinis in Catania (H.-P. Mederer, 2015)

Monument mit der Skulptur Vincenzo Bellinis in Catania (H.-P. Mederer, 2015)

Dem Sohn der unterhalb des Ätna gelegenen Stadt setzte Catania seiner Bedeutung für die italienische Musik durchaus entsprechend allerorts Denkmäler. Der Stadtpark, in dem auch die Büsten anderer sizilianischer Persönlichkeiten zu sehen sind, wurde nach dem Meister des Belcanto benannt, sein Geburtshaus ist zu besichtigen, ein Monument wurde auf dem nach ihm benannten Platz errichtet. Die Musikhochschule Istituto Musicale Vincenzo Bellini ist eine international anerkannte Schmiede für Musikerkarrieren und gleichzeitig ein weit über Sizilien hinaus bekanntes Konzertforum.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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