Lydia Lunch im Blue Shell

Retrovirus revised

Kaum entert Lydia Lunch die Bühne, liegt ihr das gut gefüllte Blue Shell (Köln) zu ihren spitz beschaftstiefelten Füßen. Doch ist es nicht allein ihre schiere Präsenz, die den Ort des Geschehens im Handumdrehen zu ihrem Hoheitsgebiet erklärt. Ihr über jeglichen Zweifel erhaben agierendes Retrovirus-Dreamteam an Gitarre (Weasel Walter), Bass (Tim Dahl) und Schlagzeug (Bob Bert) erweist sich von den ersten Takten an als raumgreifende Phalanx, die mit kontrollierter Lärmekstase geil übersättigte Triebmittel zum Einsatz bringt.

Administriere bereits ab €0,- Deine Sprachschule!

Lydia Lunch im Blue Shell (Stephan Wolf)

Lydia Lunch im Blue Shell (Stephan Wolf)

Was hat diese Frau schon alles erlebt, überlebt? Dennoch geht das 13. Konzert in Folge an die Substanz. Hitze mit Erregung zu begegnen, entspricht ihrem Naturell. Doch verwendet Lydia Lunch einen Teil ihrer Energie auf ihren Fächer. Spätestens zum dritten Track (3×3) wird mit Schweiß für Atemluft gebüßt. Fünf Titel weiter bittet sie die Anwesenden indirekt um etwas weniger Künstlerbrot: Nicht, dass der Abend nachher kein Ende mehr nehmen will…

Lydia Lunch ruft sich ab. Das Repertoire ihrer Stimmfärbungen, sämtliche Phrasierungen und Gesten. Songs von der Stange kennt sie nicht, jeder Track erweist sich als ein unverwechselbares Unikat. Afraid Of Your Company, Fields Of Fire … Lydia sucht und findet den Augenkontakt, kokettiert, verführt, schmeichelt, schmäht und nichtet im sekündlichen Wechsel. Mit anderen Worten: sie kommuniziert. Und wird verstanden. Selbstironie und bitterer Ernst, Lust und Leid. Alles geht. Mit Liebe.

Lydia Lunch & Weasel Walter (Stephan Wolf)

Lydia Lunch & Weasel Walter (Stephan Wolf)

Verbindlich und verlässlich: So wie ihr Publikum auf sie vertraut, vertraut sie ihren Begleitern auf der Bühne. Was Weasel Walter und Tim Dahl aus insgesamt 10 Saiten (wie unter Zwang?) herauskitzeln, lässt Allerweltsgeschrammel aus Verlegenheit nicht den Hauch einer Chance. Hier stimmt jeder Anschlag. Eine vitale Materialbeherrschung unterstreicht den eigentümlichen Charakter sämtlicher Nuancen, die Lydia Lunch benötigt, um ihren expressiven Reichtümern gerecht zu werden.

Nach kurzer Absprache mit Band und Publikum endet das Spektakel abgründig humanitärer Urgewalt mit einer – in Anbetracht der Temperaturen – bitte nicht allzu ausschweifenden Version der Suicide-Blaupause Frankie Teardrop. Mit 56 Jahren weiß Lydia Lunch, selbstgesteckte Grenzen zu achten, ohne auf die Spaßbremse treten zu müssen. Und übernimmt somit auch die Verantwortung gegenüber jenen, die sich an diesem Abend schwören, sich an ihr ein Beispiel zu nehmen. Bis zum nächsten Jahr/Mal…

lydia-lunch-official.com
facebook.com/pages/Lydia-Lunch-Retrovirus/534777863275361

PS.: Auch bei Facebook? Dann werde Fan von amusio!


Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>