Der Freischütz mit alternativem Text

Geisterglaube und romantische Sehnsucht

An diesem Donnerstagabend starteten zum 22. Mal die Erfurter Domstufen-Festspiele mit einer ungewöhnlichen Neuinszenierung von Carl Maria von Webers Oper Der Freischütz in der Rezitativfassung, die auf einer Rückübersetzung aus dem Französischen beruht. Wie das? Die von Thomas Sauvage und dem Komponisten François-Henri-Joseph Blaze deutlich veränderte Version ging bereits drei Jahre nach der für Weber triumphalen Uraufführung in Berlin am 18. Juni 1821 unter dem Titel Robin des bois über die Bühne des Pariser Théâtre de l’Odéon; der Erfolg setzte sich mit einer von Hector Berlioz neu komponierten Fassung 1841 an der Großen Pariser Oper fort. Einmal mehr betont Intendant Guy Montavon nun mit einer interkulturell stimmigen Lösung, einem “Perspektivwechsel”, die enge Verflechtung des kulturellen Lebens zwischen Frankreich und Deutschland in der romantischen und historistischen Periode und leistet damit einen weiteren Beitrag zum Zusammenwachsen Europas auf dem Gebiet der Künste.

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Jäger Max (Bernhard Berchtold) und der vom Teufel verleitete Verführer Caspar (Andrey Maslakov) geraten buchstäblich "in den Wald" (Lutz Edelhoff).

Jäger Max (Bernhard Berchtold) und der vom Teufel verleitete Verführer Caspar (Andrey Maslakov) geraten buchstäblich “in den Wald” (Lutz Edelhoff).

Bühnenbildner Peter Sykora und der für die Kostümierung zuständige Pierre Albert setzen - in Zusammenarbeit mit der Opéra de Nice – optisch auf traditionelle Muster; die ursprünglich sowohl in der Berliner wie auch in den französischen Fassungen vorgesehene weidmännische und ländliche Tracht und das (durchaus biedermeierliche) Ambiente der 1820er Jahre bleiben gewahrt. Über die Treppen verteilte geschlagene Bäume mögen dabei vordergründig auf jüngste stadtplanerische Veränderungen durchaus anspielen. Den zentralen vorderen Blickpunkt auf die Bühne bildet allerdings die runde Plattform für das diabolische Kugelgießen.

Agathe (Ilia Papandreou) hier mit Ännchen, einer jungen Verwandten (Daniela Gerstenmeyer) wurde - schlechtes Omen? - von einem herunterfallenden Porträt verletzt (Lutz Edelhoff).

Agathe (Ilia Papandreou) hier mit Ännchen, einer jungen Verwandten (Daniela Gerstenmeyer) wurde – schlechtes Omen? – von einem herunterfallenden Porträt verletzt (Lutz Edelhoff).

Unter den schwierigen Außenbedingungen auf dem Erfurter Domplatz war es keineswegs selbstverständlich, dass Stimmgrößen wie Andrej Maslakov als Caspar, Gegenspieler des Jägers Max, Ilia Papandreou in der Rolle der von Max umworbenen Agathe, Daniela Gerstenmeyer als Ännchen und Bernhard Berchtold als Max das volle Volumen entfalten konnten. Stimmungsvoll verbreitete sich nach Einbruch der Dunkelheit ganz im Sinne von Weber, seinem Librettisten Johann Friedrich Kind und von Hector Berlioz  in der Wolfsschluchtszene die düstere, unheimliche Atmosphäre des Sagenhaften und der Schauerromantik.

Hantieren in der Wolfsschlucht vor gespenstischer Kulisse mit Schädeln und seltsamen Geräten: der ahnungslose und furchtsame Jäger Max (Bernhard Berchtold) und der mit dem Teufel im Bund stehende Caspar, gesungen von Andrey Maslakov (Lutz Edelhoff).

Hantieren in der Wolfsschlucht mit Knochen und seltsamen Geräten: der ahnungslose und furchtsame Jäger Max (bernhard Berchtold) und der mit dem Teufel im Bund stehende Caspar, gesungen von Andrey Maslakov (Lutz Edelhoff).

Abergläubische Geschichten dienten in der nachnapoleonischen Ära bekanntlich nicht nur dazu, Kinder mit dem Zeigefinger vor Übertretungen zu warnen, sondern auch bereits der Unterhaltung. Die Beschwörung dämonischer Kräfte beim Kugelgießen trägt dabei durchaus Züge eines auf Befreiung setzenden Spiels mit dem Möglichen. Schließlich ist es dem Libretto nach fürstenstaatlicher Repression, verkörpert im böhmischen Herrscher Ottokar (und in der Erfurter Aufführung genial verkörpert durch Nils Stäfe), zu verdanken, dass unkonventionelle, “unchristliche” Wege eingeschlagen werden, damit Max seine geliebte Agathe ehelichen kann, der Widersacher dies aber auf dem gleichen Weg zu verhindern sucht. In Metternichs Polizeistaat war die persönliche Lebensführung des Einzelnen massiv beschränkt und wen wundert es, dass Webers Oper derzeit so erfolgreich war, wenn das bürgerliche Publikum sich so einmal einer romantischen Sehnsucht nach “besseren” vergangenen Verhältnissen hingeben, aber gleichzeitig das Spiel freier Kräfte um den glücklichen Ausgang  mitvollziehen konnte?

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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