Singuläres Ereignis 2015: Barockfest auf Schloss Friedenstein

Blechbläserfanfaren neben dem Kutschwagen

Auch zum 15. Bestehen des pompös und mit zahlreichen Etiketten und Orden bespickten Barockfests in Gotha sprach das Bürgertum nebst Stadthonoratioren und sogar Hamburger Kaufleuten als Gästen aristokratisch gewandet bei Herzog Friedrich III. vor. Am Samstag entfaltete sich wieder ein in allen Spektralfarben schillernder Blumenstrauß (mit abschließendem Feuerwerk) vor dem edlen Publikum. Nachdem am Samstag, Punkt 12 Uhr Mittag, seine Durchlaucht einen wichtigen Ehrengast begrüßt und den Markt mit seinen unzähligen Ständen im Schlosshof besichtigt hatte, ging das ungeduldig erwartete Spektakel erst richtig los …

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Wer mochte, konnte im Festsaal des herzoglichen Schlosses zu Gotha dank eines verierten Tanzmeisters der Potsdamer Rokoko e.V. barocke Tanzschritte und ihre Kombinationen einüben (Agnes Jaworska).

Wer mochte, konnte im Festsaal des herzoglichen Schlosses zu Gotha dank eines verierten Tanzmeisters der Potsdamer Rokoko e.V. barocke Tanzschritte und ihre Kombinationen einüben (Agnes Jaworska).

Im einzigartigen, seinerseits barocken Ekhof-Theater waren amüsante Theaterszenen in aktuellen Arrangements zu erleben, die die Zuschauer nicht nur der stimmigen höfischen Ausstattung wegen, sondern gerade wegen humoriger kleiner Komödienspiele zu mehr als nur zum Schmunzeln brachten. Beim Lever der Gräfin Camas überrascht sie wie wohl beinahe jeden Morgen der Baron von Pöllnitz zur Aufwartung – und verscherzt es sich wie immer mit der betagten Dame, mit Verve und Anekotischem aus dem Umfeld des Alten Fritz gewürzt von den Darstellern des Potsdamer Rokoko e.V. Der zur Truppe gehörende Tanzmeister hielt willige Paare, die bereit waren, den Englischen Tantz mit ihm einzuüben, mit Schrittmustern und Platzwechseln in Schwung – nicht nur als trockene Exerzierübung, sondern auch unter den Klängen der  darauf zugeschneiderten frühbarocken Musik.

Auf der Hauptbühne war - mit spanischer und italienischer folkloristischer Musik aus der Barockzeit - wieder das Ensemble Les Matelots aus Dresden und Leipzig zu hören (Agnes Jaworska).

Auf der Hauptbühne war – mit spanischer und italienischer folkloristischer Musik aus der Barockzeit – wieder das Ensemble Les Matelots aus Dresden und Leipzig zu hören (Agnes Jaworska).

Nachdem das in seiner Art singuläre Barockensemble Les Matelots in der Schlosskirche unter dem Titel Delirium Amoris Werke von Muffat und Lotti präsentiert hatte, ließ es zur angenehm sommerlich-warmen Nachmittagsstunde spanische Klänge hören, die in ähnlicher Weise den Ohren von Zuhörern um 1650 (und vielen Besuchern heute weniger) vertraut gewesen sein dürften. Rhythmisch prägnante Tänze wie Canario oder Follia forderten unter Einsatz der Trommel schon von selbst zum Mitschwingen und Tanzen auf. Italienische “Gassenhauer” des 17. und 18. Jahrhunderts rundeten diese ungewöhnliche, da folkloristisch orientierte Darbietung von melodischem Repertoire aus der frühen Neuzeit Europas in idealer Weise ab, da sie nicht nur die ungezügelt-fröhliche Feierstimmung des – noch kaum zu Bewusstsein erwachten – Bürgertums und der ärmeren Leute spiegelten, sondern auch die melancholischen gefärbten Liebeslieder der Zeit, stimmlich fulminant vorgetragen von dem Violinisten Michael Spiecker, aufgriffen.

Zwischenzeitlich konnte, wer wollte, in der Schlosskirche besinnlicher irischer Folklore mit barocken Wurzeln – instrumentiert durch Harfe und Violine – lauschen, den Kanonenschützen bei ihrer Verteidigungsarbeit zusehen, eine Fahrt im stilgetreuen Nachbau einer Kutsche aus dem 17. Jahrhundert wahrnehmen oder die Reiterparaden am preussischen Hof mit “waschechten” Grenadieren und hochrangigen Offizieren mitverfolgen. Wer sich in eine Rokoko-Ballerina oder in Louis XIV. verwandeln wollte, konnte dies dank der allezeit präsenten Kostümverleiher ebenso tun und sich für eine Weile in die Sphäre des herzoglichen Hofes zwischen 1690 und 1750 hineinversetzen.

Das Rosentaler Barock Ensemble Leipzig brillierte im Ekhof-Theater mit einer stilgetreuen historisch informierten Aufführung von Pepusch-Kantaten (Agnes Jaworska).

Das Rosentaler Barock Ensemble Leipzig brillierte im Ekhof-Theater mit einer stilgetreuen historisch informierten Aufführung von Pepusch-Kantaten (Agnes Jaworska).

Selten dürften Anhänger der Barockmusik hierzulande die Gelegenheit haben, einer historisch informierten Aufführung von weltlichen Kantaten des in London wirkenden Berliners Johann Christoph Pepusch (1667 – 1752) beizuwohnen: Die zwei vom Rosentaler Barock-Ensemble aus Leipzig in jeder Hinsicht stilecht gebotenen Beispiele durchglänzten das Ekhof-Theater prägnant und gleichzeitig gefühlvoll vorgetragen. Bei The highest prize of harmony handelt es sich um ein Allegoriespiel über die Musik selbst. Hier kam eine originalgetreue Barockoboe, die mit weniger Klappen als das moderne Instrument auskommt und tendenziell einen schärferen, spitzeren Klang hervorbringt, zum Einsatz. Der gesangliche Duktus ebenso wie das Instrumentalspiel folgten präzise der heute gelehrten Agogik des barocken Konzerts, soweit diese heute nachzuempfinden ist. Lediglich im Falle des Spiels der selten “live” zu hörenden Erzlaute hätte man sich ein längeres Aushalten der Schlussakkorde der einzelnen Phrasen wünschen mögen.

Der Rollentausch mit dem Adel "von damals" erfreut das Publikum, auch wenn solche Kostüme in der Barockzeit mit der Arbeit der armen Bevölkerung teuer erkauft waren (Agnes Jaworska).

Der Rollentausch mit dem Adel “von damals” erfreut das Publikum, auch wenn solche Kostüme in der Barockzeit mit der Arbeit der armen Bevölkerung teuer erkauft waren (Agnes Jaworska).

Abgerundet wurden die zahlreichen weiteren Aufführungen des Tages – inklusive des abschließenden Festkonzerts mit Werken von Lully und Komponisten der Klassik sowie Frühromantik, nämlich Haydn, Paisiello und Rossini – durch die häufigen Einsätze des Geraer Blechbläserensembles La Fantare. Den Musikern ist nicht genug zu danken, dass sie auch den weniger vorbelasteten Besuchern ein weitgespanntes Repertoire selten gespielter Fanfaren, Intraden und Sonaten der frühen bis mittleren Barockepoche, insbesondere von Schütz, Schein und Scheidt, auf unterhaltsame und historisch stimmige Weise nahebringen konnten.

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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