Porträts brasilianischer Komponist/innen XV

Elektroakustik und Oper – Zwei Welten?

Der aus Rio de Janeiro gebürtige Violinist und Dirigent Jorge Antunes preschte mit einer Mode der Nachkriegszeit, der elektronischen Musik, für sein Land nach vorne und war damit der erste Brasilianer, der die Möglichkeiten der modernen Studiogeräte konsequent einsetzte. Ihre spezielle brasilianische Ausprägung setzte sich mit der Bezeichnung Música Cromofônica landesweit durch. In Europa schenkten ihm Musikschaffende und Publikum zuletzt größere Aufmerksamkeit, als 2006 seine Oper Olga am Teatro Municipal in São Paulo das Licht der Bühne erblickte. In ihr porträtiert er in Zusammenarbeit mit dem Librettisten Gerson Valle Engagement und Leidensweg der jüdischen Kommunistin Olga Benario-Prestes, die in Brasilien die vereitelte kommunistische Revolution vorzubereiten half, 1936 aber verhaftet, an Deutschland ausgeliefert und in Bernburg 1942 von den Nationalsozialisten ermordet wurde.

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Flankieren den brasilianischen "Urvater" der elektroakustischen Szene: lMaximiliano de Brito (links) und Renato Mismetti (rechts).

Flankieren den brasilianischen “Urvater” der elektroakustischen Szene: der Pianist Maximiliano de Brito (links) und der Sänger Renato Mismetti (rechts) (Dietrich Hilmi, 9.2.2014).

Bereits acht Jahre nach seinem bekenntnishaften Einstieg ins elektronische Komponieren, nämlich 1973, wurde Jorge Antunes zum Professor an der Universidade de Brasília ernannt. Dort unterrichtete er (quasi bis heute) Komposition und Akustik, nachdem er einige Jahre das Laboratorium für elektroakustische Musik geleitet hatte. Er studierte sowohl in Buenos Aires – bei Alberto Ginastera – wie auch in Utrecht. Pierre Schaeffers legendäres Zentrum in Paris beeinflusste ihn zu Beginn der 1960er Jahre freilich am nachhaltigsten. Ein Blick auf sein Gesamtschaffen verrät aber, dass Antunes sich vor allem der Oper widmete, daneben Orchester- aber auch Kammermusikwerken. Eher vergnüglichen Charakters ist seine frühe Buffo-Oper Vivaldia MCMLXXV (1975), satirische und persiflierende Züge haften auch seiner Mini-Oper in vier Szenen Der eintönige König von 1991 und der zweiaktigen Miniaturoper Der blaue Schmetterling (1995) an.

Einem sehr ernsten Sujet widmete sich Jorge Antunes (geb. 1942) mit seiner Oper Olga, die das Leben der jüdisch-deutschen Kommunistin Olga Benario-Prestes nachzeichnet (Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst - Zentralbild, Bild 183).

Einem sehr ernsten Sujet widmete sich Jorge Antunes (geb. 1942) mit seiner Oper “Olga”, die das Leben der jüdisch-deutschen Kommunistin Olga Benario-Prestes nachzeichnet (Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst – Zentralbild, Bild 183, p.d.).

Im Bereich der Kammermusik trat der Brasilianer vor allem mit Werken für Bratsche hervor: Einige Jahre nach Microformóbiles für Viola und Klavier (1970) schrieb er Mascaruncho für zwei Violen und 1985 das Lied für Midinha, in dem die Stimmen auf sieben Bratschen verteilt sind. Doch als die ursprünglichen Meilensteine seiner Laufbahn können Kompositionen wie Trois évènements de la lumière blanche (1967) für Streichorchester, Flöte, Sopranstimme, herabhängende Becken und Tonband sowie Idiosynchronie (1972) für Kammerorchester und elektronisches Gerät, bei dem die symmetrisch auf der Bühne verteilten Instrumentalisten in der Verteilung einen Stereoeffekt wie im Kino produzieren. Die Manipulation des Verstärkers obliegt dabei einem Musiker. In dem ungewöhnlichen Chorwerk Cromorfonética von 1969, in dem auch mit der Nase erzeugte Töne eine Rolle spielen, bedient sich Antunes eines zwölfsilbigen Verses des kubanischen Dichters Inti Peredo in unorthodoxer Weise.

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Einen Überblick über die elektroakustischen Kompositionen von Jorge Antunes bietet diese CD (B00D2YOP9I, 2013).

Eine Auswahl der Werke für traditionelle Instrumente und elektroakustische Apparaturen bietet der schon fast augenzwinkernd-ironische CD-Titel In Defense of the Machine, der 2013 beim Label Stickfigure Distribution erschien. Hier wird deutlich, wie sehr dem Komponisten während der Dekaden seines Schaffens daran gelegen war, beide Sphären, die des traditionellen Instrumentariums und diejenige der elektroakustischen Klangerzeugung zu verbinden und keine reine Tonbandkomposition, abstrahiert vom Musiker, einfach abspulen zu lassen.

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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