3. Symphoniekonzert der Saison am Theater Erfurt

Immer wieder Applaus – für ein ungewöhnliches Repertoire

Das Spiel mit dem eigenen Namen in Noten (als heimliches Engramm) pflegten schon Komponisten vor B-a-c-h, so entspricht die nicht gerade leicht zu erkennende musikalische Verschlüsselungstechnik auch hier einer Gepflogenheit: Marko Nikodijevic, geboren 1980 im serbischen Subotica, verwendete die Tonzelle g-h-b als repetiertes melodisch-harmonisches Muster für die Bezeichnung der Techno-Partydroge GHB. Sein so betiteltes Tanzaggregat für Orchester ist ein sehr witziges knapp gehaltenes Orchesterstück als Widmung an den SWR-Musikredakteur Bernd Künzig, das lediglich auf Synästhesie beruht - jedoch keine einzige Notenfolge aus echter Technomusik beinhaltet.

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Von Technomusik und insbesondere der Droge GHB wurde Marko Nikodijevic zu seiner Komposition inspiriert (Sindlefinger Glaspalast, 30.4.2011, Pümpel 2000).

Von Technomusik und insbesondere der “Milieu”-Droge GHB wurde Marko Nikodijevic zu seiner Komposition inspiriert (Sindelfinger Glaspalast, 30.4.2011, Pümpel 2000).

“Gesampelt” wird hier zunächst nur das serbische volkstümliche Liebeslied Lela Vranjanka. Anspielungen auf hochexpressive Ballettmusik von Aram Chatschaturjan, für den der junge Komponist ein spürbar großes Faible hat, sind durch den Einsatz der pulsierenden Rhythmusmaschine einer fünfköpfigen Schlagwerktruppe insbesondere im Zusammenspiel mit den Bläsern von Anfang an offenkundig. Nach Nikodijevics eigenen Worten beabsichtigte er in Klangmöglichkeiten eines romantischen Symphonieorchesters gebannte Eindrücke von “Rauschzuständen, elektronischer Musik, Samplingverfahren und der Welt fraktaler Schönheiten” wiederzugeben. Der am 16. Oktober anlässlich des 3. Symphonieorchesters dieser Saison am Theater Erfurt selbst anwesende Komponist erhielt dafür vehementen Applaus. Es war nämlich ein glücklicher Umstand, dass sich – trotz der keineswegs für alle Bevölkerungsschichten erschwinglichen Kartenpreise – dieses Mal auch viel jüngeres Publikum im Parkett und auf den Rängen tummelte und dank der Offenheit der Intendanz für aktuelle, nicht-kanonische Werke so für künftige Aufführungen im Sektor Klassik gewonnen werden konnte.

Der Finne Jean Sibelius (1865 - 1957) komponierte sein komplexes Violinkonzert 1903. Die 2. Fassung von 1904-05 wurde am Freitag im Theater Erfurt von Alexandra Conunova, Jahrgang 1980, virtuos und temperamentvoll zelebriert (Unbek. Fotografie 1889-90, p.d.).

Der Finne Jean Sibelius (1865 – 1957) komponierte sein komplexes Violinkonzert 1903. Die 2. Fassung von 1904-05 wurde am Freitag im Theater Erfurt von Alexandra Conunova, Jahrgang 1980, virtuos und temperamentvoll zelebriert (Unbek. Fotografie 1889-90, p.d.).

Am Beginn des gestrigen Abendkonzerts, in dessen Pause sich die Entspanntheit eines Freitagabends atmosphärisch verbreitete, stand eines der komplexesten Beispiele aus der Gattung Violinkonzert, nämlich Jean Sibelius’ opus 47 in d-Moll. Die Gestik des jungen österreichischen Dirigenten Johannes Pell, Linzer und Absolvent des Wiener Konservatoriums, fiel hier eher sparsam aus, das Orchester hatte somit Spielraum für eigene Entfaltung, wirkte aber gerade in den fünfzig Anfangstakten des ersten Satzes Allegro moderato, verhalten und in Fraktionen zersplittert. Erst allmählich konnte die Grundsubstanz der sich zunächst sperrig gebenden kompositorischen Faktur geerdet werden. Die Violinsolistin Alexandra Conunova, Gewinnerin übrigens des 1. Preises im Joseph-Joachim-Wettbewerb von Hannover im Jahr 2012, hielt gleichermaßen mit dem Dirigenten die Fäden in der Hand und sorgte zumal im dritten Satz für innige Korrespondenz mit dem Orchester. Noch brillanter als hier sorgten ihre hochvirtuose Technik und ihre gefühlsinnige, temperamentgeladene Deklamation in einer Solozugabe für frenetischen Beifall.

Im dritten Teil von respighis "Fontane di Roma" dreht sich alles um den größten und am vielfältigsten gestalteten Barockbrunnen Roms, der Fontana di Trevi. In Erfurt wurde am 15. und 16. Oktober die Fernwirkung durch einen hinter den Kulissen spielenden Trompeter in vollendeter Klanggebung gewährleistet (Archeologo, Juli 2000, p.d.).

Im dritten Teil von Respighis “Fontane di Roma” dreht sich alles um den größten und am vielfältigsten gestalteten Barockbrunnen Roms, der Fontana di Trevi. In Erfurt wurde am 15. und 16. Oktober die Fernwirkung durch einen hinter den Kulissen spielenden Trompeter in vollendeter Klanggebung gewährleistet (Archeologo, Juli 2000, p.d.).

Die Auswahl diffiziler Orchesterwerke setzte sich im Anschluss an Nikodijevics GHB noch fort: Ottorino Respighis öfter gehörte Tondichtung Fontane di Roma (uraufgeführt 1917) als erster Teil seines häufig eingespielten römischen Triptychons erfordert nicht nur wegen der rhythmischen Vertracktheiten und daher schwierigen Einsätze einzelner Instrumente und Orchestergruppen die höchste Aufmerksamkeit der Ausführenden. Feierlich wird es im dritten Teil, der die Fontana di Trevi zur Mittagszeit illustriert: Hier erklingen gedämpfte Trompetenstöße, hinter den Kulissen von einem einzelnen Solisten ausgeführt, der dank der hervorragenden Akustik des Theaters eine bestrickende Fernwirkung erzielt – ein Trick, den schon Monteverdi anwandte. Das eher schwermütige Thema des vierten Satzes, das den Brunnen der Villa Medici in der Abenddämmerung nachmalt, gerät durch die voluminösen und verhallenden Glockenschläge wie aus einer nahen Kirche, die simulierten Vogelstimmen und Blätterrauschen in Johannes Pells Interpretation fast zu einem heiteren oder wenigstens launigen Schlusswort.

Als Bilder auf Kirchenfenstern interpretierte Ottorino Respighi im Nachhinein seinen auf gregorianischen Melodien basierenden orchestralen Nachsatz zu den "Drei Präludien" für Klavier (hier: Kirchenbilder aus der Chiesa di San Francisco, Florenz, Sailko, 20.12.2006).

Als Bilder auf Kirchenfenstern interpretierte Ottorino Respighi im Nachhinein seinen auf gregorianischen Melodien basierenden orchestralen Nachsatz zu den “Drei Präludien” für Klavier (hier: Kirchenbilder aus der Chiesa di San Francisco, Florenz, Sailko, 20.12.2006).

Der zweite Satz Der Erzengel Michael aus Respighis 1925 komponierten Vetrate di Chiesa, “Kirchenfenster”, fiel – für das Konzertende am Erfurter Theater nicht untypisch – durch seine gesteigerte dynamische Gestaltung hin zu einem gewaltigen Fortissimo auf. Bekanntlich bildeten die drei sechs Jahre zuvor niedergeschriebenen Drei Präludien für Klavier auf der Basis von gregorianischen Melodien, zu dem ein vierter, orchestraler Teil hinzugefügt werden sollte. Wie auch bei anderen Komponisten zu beobachten war das Programm der “Kirchenfenster” hier nachträglich aufgesetzt – Respighi selbst dachte beim Versuch einen griffigen Titel zu finden zunächst an Kirchenportale und ließ sich dann von dem Literaturprofessor Claudio Guastalla “auf die Sprünge” helfen.

Die religiöse Bezugnahme auf den Erzengel Michael hat hier mit einer Umsetzung der ikonischen Inhalte nichts zu tun, sondern entspricht höchstens einer möglichen visuellen Inspiration. Der hochdramatische Satzbau der Partitur verlagert die zentrale Motiv- und Themendurchführng in die Hörner und Posaunen und verlangt tatsächlich einen ohrenbetäubendenden Schlag des Tamtams am Ende der Kadenz. Das Philharmonische Orchester Erfurt wusste das Stück wie gewohnt mit hoher Transparenz durch alle Stimmengruppen ebenso wie die Solopassagen und mit der diesem Werk angemessenen Tutti-Wucht darzustellen. Eine äußerst charmante Geste Johannes Pells war es, den ihm übergebenen Dankstrauß an eine der Violinistinnen für ihre Leistung – und symbolisch damit auch für diejenige des gesamten Orchesters – weiterzureichen …

 

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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