Vor dem 275. Geburtstag von Isabelle de Charrière

Mit selbstbewusster Feder

Französische Gouvernanten sorgten dafür, dass ihr weiblicher Zögling Isabelle van Tuyll van Serooskerken im Schloss Zuylen nahe Utrecht nicht nur standesgemäß erzogen, sondern auch in der Gesellschaftssprache der Zeit ausgebildet wurde. Dementsprechend beherrschte später die junge Frau – nicht zuletzt auch dank ihres Mentors David-Louis de Constant d’Hermenches - das Französische so perfekt, dass sie ohne weiteres im Jahr 1762, um ihren 22. Geburtstag herum also, die Erzählung Le Noble vorlegen konnte. “Belle van Zuyle”, wie sie auch genannt wurde, schlug Heiratsanträge und mögliche Verbindungen unter anderem mit James Boswell, dem berühmten Autor der Lebensgeschichte seines Freundes Samuel Johnson, und mit dem schottischen Philosophen und Ökonomen David Hume aus, heiratete vielmehr erst 1771 Charles-Emmanuel de Charrière, den Hofmeister ihrer Brüder. In Colombier nahe dem Neuenburger See in der Schweiz ließ sich das Paar auf seinem Anwesen Le Pontet nieder.

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Der Geburtstag der Schriftstellerin und Komponistin Isabelle de Charrière jährt sich heute zum 275. Mal (Gemälde von jens Juel 1777, Bibliothèque publique et universitaire de Neuchâtel).

Der Geburtstag der Schriftstellerin und Komponistin Isabelle de Charrière jährt sich heute zum 275. Mal (Gemälde von jens Juel 1777, Bibliothèque publique et universitaire de Neuchâtel).

Marius Flothuis – bekannt für seine Deutungen von Mozarts Klavierkonzerten – gebührte vor rund dreißig Jahren das Verdienst, Isabelle de Charrières musikalisches Oeuvre ans Tageslicht gefördert zu haben. Zu ihm zählen neben frühklassischen Airs et Romances auch Menuette und Klaviersonaten. Dies mag zunächst wenig erscheinen im Vergleich zu den anderen Komponistinnen ihrer Generation, denkt man etwa an Anna Bon di Venezia, doch gilt für ihre Musik Ähnliches wie für ihre literarische Produktion, die vorwiegend aus Lustspielen und Erzählungen (darunter ein sprechender Titel wie “Die Vorzüge des alten Adels” von 1772) bestand: Ohne sie wäre heute die weitreichende Vermittlung deutschsprachiger Klassik im französischsprachigen Raum nicht erklärbar. Eine jüngere Autorin wie Germaine de Staël zollte ihr Bewunderung, fand aber wegen ihrer eigenen romantischen Ausrichtung und persönlicher Differenzen keinen rechten Anknüpfungspunkt mit ihr. De Charrière verteidigte in einer separaten Schrift Thérèse Levasseur, Witwe des Aufklärers und Komponisten Jean-Jacques Rousseau, gegen die Ansichten der Konkurrentin.

Was macht die von der Tanzmusik deutlich mitbestimmten Kompositionen der Schriftstellerin aus, die ja in der Mehrzahl von der Sphäre aristokratischer Salonkultur bestimmt waren? Ihre Trois sonates pour le clavecin ou pianoforte (op. 1-3) genossen die Beachtung der Zeitgenossen bis zu einem gewissen Grade, denn die wirkliche feministische Bewegung innerhalb der Französischen Revolution, die schreibenden und komponierenden Frauen auch mehr Beachtung verschaffen sollte, stand erst vor der Tür. Ihre Six Menuets pour Deux Violons, Alto et Basse widmete sie einem Bruder, dem Baron van Tuyll. Sie erschienen 1786 bei dem Haager und Amsterdamer Verleger B. Hummel et Fils und wurden von Mario Flothuis von neuem ediert.

So präsnetiert sich heute das Schloss der Familie van Tuyll, in dem Isabelle de Charrière in der Nähe von Utrecht im Geist französischer klassischer Bildung  aufwuchs (Peter van der Wielen 13.9.2012).

So präsentiert sich heute das Anwesen der Familie van Tuyll in der Nähe von Utrecht, auf dem Isabelle de Charrière im Geist französischer klassischer Bildung aufwuchs (Peter van der Wielen 13.9.2012).

Ganz den Geist des Rokoko spiegeln ihre Lieder mit dem Titel Airs et Romances avec Accompagnement de Clavecin, 1788/89 in Paris von M. Bonjour gedruckt. Zu diesen verfasste sie selbst die Texte, die noch den Duft der galanten Welt eines aufgeklärten Adels verströmen. Daraus wurden die von der Geige verstärkte Romance Arbre charmant, “Pauvre Agneau” und ein Menuett in A-Dur auf der CD Een muszikaal verhaal mit dem Barock-Consort Utrecht eingespielt, erhältlich auf Schloss Zuylen. Ergänzt werden diese Stücke hier vom idyllischen De la Ville et des Champs, bei dem zwei Violinen den Basso continuo ergänzen und einem Menuett in D-Dur sowie C-Dur. Fünf Beispiele aus den Airs et Romances, darunter Douce Retraite, nahm übrigens auch die Sopranistin Madelon Michel begleitet von der Pianistin Fania Chapiro auf. Die CD Zuylen und Zeitgenossen aus dem Jahr 2000, die auch Werke von Rameau und Giuseppe Sarti einschließt, liegt beim Label Erasmus vor (B000025GFV). Morgen, am 20. Oktober 2015, jährt sich der Geburtstag der 1805 auf Le Pontet verstorbenen Autorin zwischen Aufklärung und Klassik zum 275. Mal.

 

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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