Vergleichbare Rekonstruktionen?

Nah am wahren Tanz des Sonnenkönigs

Vor gut fünfzehn Jahren nahmen sich Reinhard Goebel und seine Musica Antiqua Köln zusammen mit dem Regisseur Gérard Corbiau der passenden Klang(um)gebung für die mystische tänzerische Selbstinszenierung Ludwig XIV. als Mittelpunkt der Welt an. Die einschmeichelnd sanfte Musik vom einstigen Geigenwunder Jacques Cordier, von dem begnadeten “Amphion gleichen” Sänger und Lieddichter Michel Lambert, seinem Schwiegersohn Jean-Baptiste Lully und dessen glücklosem Rivalen Robert Cambert ist überwiegend nicht direkt zum Anlass der Tanzvorführung des 1653 übrigens erst fünfzehnjährigen Königs komponiert. Eine solche Rekonstruktion suchte in großem Umfang erst kürzlich das Ensemble Correspondances unter dem historisch bestens informierten jungen Dirigenten Sébastien Daucé zu leisten.

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Einen plastischen Eindruck von der grandiosen Gesamtinszenierung des Ballet royal de la Nuit zu Beginn des Jahres 1653 vermittelt auch dieses Bild eines auftretenden Lautenspielers (Winchester Thurston History Wiki, 29.5.2014, http://wthistory.wikispot.org/ Costumes_for_the_Royal_ Ballet_of_the_Night).

Einen plastischen Eindruck von der grandiosen Gesamtinszenierung des Ballet royal de la Nuit zu Beginn des Jahres 1653 vermittelt auch dieses Bild eines auftretenden Lautenspielers (Winchester Thurston History Wiki, 29.5.2014, http://wthistory.wikispot.org/
Costumes_for_the_Royal_
Ballet_of_the_Night).

In opulenten sieben Soireen ließ Kardinal Jules Mazarin unter dem Programmtitel Le Ballet royal de la nuit eine theatralisch von A bis Z minutiös geplante Repräsentation der höchsten Staatsmacht inszenieren. In Anspielung auf die antike Mythologie werden die heidnischen Kräfte der dämonischen Nachtzeit heraufbeschworen: Der Auftritt der Bewohner des Pariser Armenasyls wird abgelöst von den vergnüglichen Ambitionen der Aphrodite und zu späterer Stunde stellt sich Mondgöttin Selene bei dem schlafenden Endymion ein. Der verliebte Herakles nähert sich derweilen der unglückbringenden Deianeira. Alles kulminiert in einer Art Hexensabbat, der seltsame Gestalten aus der mitternächtigen (Unter-)Welt herausruft, bevor die letzte Wache Ordnung und Ruhe schafft. Diese sollte schließlich Ludwig XIV. auch als “Zentrum des Universums” garantieren.

Den spärlich erhaltenen musikalischen Fragmenten der legendären sieben Abende Anfang  1653 musste etliches hinzugefügt und neukomponiert werden, was Sébastien Daucé und seine Mitstreiter in gleichermaßen bescheidener wie unpompöser und eleganter Form umzusetzen wussten. Von Pierre Danican Philidor ist die Abschrift der ersten Violinstimme überliefert, die vokalen Partien wurden unter den 1655 herausgegebenen Airs von Jean de Cambefort entdeckt. Dafür fand das mit erfrischender Verve spielende Ensemble reichliche Inspiration bei den erhaltenen prächtigen Zeichnungen und Stichen der Bühnenbilder.

Neben der exzellenten und hochdifferenzierten Aufnahme der Rekonstruktion des Concert royla de la Nuit bietet Daucés Doppel-CD auch eine extensive Dokumentation: alles Wissenswerte rund um das große Pariser Ereignis des Jahres 1653 (Harmonia Mundi 2015, B00YQJW8F6).

Neben der exzellenten und hochdifferenzierten Aufnahme der Rekonstruktion des Concert royal de la Nuit bietet Daucés Doppel-CD-Edition auch eine extensive Dokumentation: alles Wissenswerte rund um das große Pariser Ereignis des Jahres 1653 (Harmonia Mundi 2015, B00YQJW8F6).

Die Einspielung des Concert Royal de la Nuit umfasst mit 2 Compact Discs und einem immens aufwändigen Begleitbuch nahezu das gesamte Ballett, Daucé fügte außerdem ältere Airs de Cour, insbesondere von Cordiers Zeitgenossen, dem “Meister der Verzierung” Antoine Boësset hinzu. Musik aus Luigi Rossis Orfeo findet sich zudem bei demjenigen Zwischenspiel, in dem die Träume der letzten Wache zur Darstellung kommen. Da eine authentische Wiederinszenierung der Ballettfestivität nicht möglich war, suchte das erst 2008 gegründete Ensemble das vorhandene gesamte Libretto so zeitgetreu wie möglich zu füllen.

Reinhard Goebels Einspielung von überwiegend orchestralen Kompositionen aus der Ära Lullys, die im Zusammenhang mit Ludwig XIV. (späterer) tänzerischer Repräsentation stehen, bleibt nach wie vor mustergültig (B00005B6JA , Deutsche Grammophon 2000).

Reinhard Goebels Einspielung von überwiegend orchestralen Kompositionen aus der Ära Lullys, die im Zusammenhang mit Ludwig XIV. (späterer) tänzerischer Repräsentation stehen, bleibt nach wie vor mustergültig (B00005B6JA , Deutsche Grammophon 2000).

Der ambitiöse Tänzer und Komponist Jean-Baptiste Lully war zum Zeitpunkt des Ballet Royal de la Nuit nach dem Text von Isaac de Benserade noch (lange) nicht auf dem Gipfel seines Schaffens angekommen; insofern war es nur konsequent, seine später geschriebene Musik hier auszuklammern, vielmehr auf die tatsächlichen Zeitgenossen Francesco Cavalli, Rossi und Cambefort zurückzugreifen. Lediglich anachronistisch mutet die Einfügung des Eingangs der Schatten von Louis Constantin an, der zur Zeit von Ludwig XIV.’ beiden Nachfolgern wirkte. Insgesamt macht Goebels musikalische Gestaltung des Films Le Roi danse aus der späteren Karrierezeit Lullys einen geschlosseneren und in der Umsetzung konsequenteren Eindruck. Näher an den Möglichkeiten einer höfischen Aufführung des Jahres 1653 bleibt allerdings Sébastien Daucé, der auch eine intimere, in sich diversifizierte Klangsphäre zu schaffen versteht und deutlich mehr rhythmischen Schwung in die Instrumentalvorspiele einfließen lässt. Doch letztlich lassen sich ja Äpfel und Birnen schwerlich vergleichen: Zwischen dem Ist-Zustand der frühe(ste)n Regierungszeit des Königs und den Jahren um 1685 liegen barockmusikalische Welten …

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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