Töne aus den Staaten: Pennsylvania

Symphonischer Santa Claus im Anmarsch

Der Komponist, von dem hier die Rede ist, gilt als erster Amerikaner, der für großes Symphonieorchester schrieb und eine europäischen Maßstäben äquivalente Oper aus der Taufe hob. William Henry Fry (1813 – 1864), der aus Philadelphia stammte, zeigte jedoch wenig Interesse, die althergebrachten Genres jenseits des Atlantiks einfach zu kopieren, obwohl er eine Zeit lang von dort für verschiedene US-amerikanische Zeitungen über die neuesten Trends in Politik und Kultur berichtete. Ein wirklich origineller Wurf ohne Beispiel war neben den gleichermaßen programmmusikalisch konzipierten “Symphonien” Child Harold, A Day in the Country oder The Breaking Heart sowie den Opern Aurelia the Vestal (1837-41) und Notre Dame de Paris (1864) Santa Claus, sein symphonischer Beitrag zur Advents- und Weihnachtszeit aus dem Jahr 1853.

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Dem amerikanischen Weihnachtsmann widmete William Henry Fry 1853 einen eigenen symphonischen Wurf. Die Christmas Symphony gehört zu den ersten Werken mit Saxophon im Orchester (12.12.2003, www.flickr.com, SL Shawn Lea from Jackson, MS, US).

Dem amerikanischen Weihnachtsmann widmete William Henry Fry 1853 einen eigenen symphonischen Wurf. Die Christmas Symphony gehört zu den ersten Werken mit Saxophon im Orchester (12.12.2003, www.flickr.com, SL Shawn Lea from Jackson, MS, US).

In der mehrere Abschnitte unterschiedlichen Charakters umfassenden “Symphonie” ohne deutlich voneinander getrennte Sätze, eigentlich eine Art Ouvertüre, erklingt gegen Schluss in einer hymnisch angestimmten Blechbläserfanfare das traditionelle weihnachtliche Kirchenlied Adeste fideles, auf Deutsch bekannt unter Herbei, oh ihr Gläubigen. Die erste Station zeigt zunächst die Geburt Jesu, wobei die gedämpften Streichinstrumente geradezu das Atmen des Christkindes imitieren, dann wechselt die Szenerie hinüber zu einer Weihnachtsparty.

Neben der Christmas Symphony "Santa Claus" komponierte Fry etliche weitere programmatische symphonische Werke wie Niagara Symphony oder eine Ouvertüre zu Macbeth und erfreute sich zu Lebzeiten großer Beliebtheit beim amerikanischen Publikum (Philip Hale 1906:  Famous Composers and Their Works, v. 5).

Neben der Christmas Symphony “Santa Claus” komponierte Fry etliche weitere programmatische Werke wie Niagara Symphony oder eine Ouvertüre zu Macbeth und erfreute sich zu Lebzeiten großer Beliebtheit beim amerikanischen Publikum (Philip Hale 1906: Famous Composers and Their Works, v. 5).

Weitere Lieder-Highlights sind geschickt in den Entwicklungsgang dieses singulären Werks eingebaut: The Lord’s Prayer ebenso wie das vom allerneuesten Orchesterinstrument, dem Saxophon intonierte Rock-a-by baby. Ein mit hochmoderner chromatischer Raffinesse dargestellter Schneesturm offenbart die weniger gemütliche Seite der Weihnachtszeit, am Ende fährt der gute alte Weihnachtsmann mit Glockengebimmel und Peitschenknallen auf seiner Pferdekutsche in den Himmel, musikalisch aber - im Gegensatz zu kommerziellen Würfen mit großem Orchester im 20. Jahrhundert – noch ohne jeglichen Klingeling-Kitsch inszeniert.

An den Charme von Donizettis Melodien erinnerte Colin Anderson hingegen der mit einem “Appellruf” einsetzende Part der Solo-Trompete, ebenso an humorvolle Passagen bei Rossini. Die gute Laune am Weihnachtstag unterstreicht die schwungvolle Intonation eines Walzers, die Soloklarinette stößt eine Gavotte auf einen populären amerikanischen Ohrwurm an, wobei Santa Claus durch das Fagott repräsentiert wird. Das Spiel der Kinder nach der Bescherung wird durch einen Little Be-bop in den Trompeten illustriert, nachdem die imaginierte Hausgesellschaft mit dem Tune Get up! in den Hörnern aufgeweckt wurde, um den wichtigen Feiertag nicht zu verschlafen …

Auf der Basis einer großen europäischen symphonischen Tradition, aber im mitreißenden Schwung eines US-Orchesters interpretiert das Royal Scottish National Orchestra unter Tony Rowe Werke von William Henry Fry (B0000509J9, Naxos 2000).

Auf der Basis einer großen europäischen symphonischen Tradition, aber im mitreißenden Schwung eines US-Orchesters interpretiert das Royal Scottish National Orchestra unter Tony Rowe Werke von William Henry Fry (B0000509J9, Naxos 2000).

Der Schöpfer des symphonischen Santa Claus galt zu Recht als Frühbegabung. Mit zehn Jahren hatte William Henry Fry eine Ouvertüre geschrieben, für die er die Goldmedaille der Philadelphia Philharmonic Society erhielt und bereits im Alter von 23 wurde er zu deren Sekretär ernannt. Nicht nur in der Berufung zum Komponisten erwies er sich als origineller Kopf: Er gehörte ab 1841 dem Lehrerkollegium einer sozialutopischen Kommune an, nämlich der von einem Transzendentalisten begründeten Brook Farm in West Roxbury, wirkte aber nur fünf Jahre später als Korrespondent des New York Tribune und des Blattes Philadelphia Public Ledger in London und Paris weiter.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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