Zu Herkunft und Einsatz der Drehleier

Ein Fossil der Barockzeit?

Ein Brummbass, wie er auch von der historisch weit zurückreichenden Sackpfeife erzeugt wird, zeichnet verschiedene – daher so benannte – Borduninstrumente aus, darunter die Drehleier. Bordun bezeichnet einfach einen tiefen ausgehaltenen Ton als Begleitung zur Melodiestimme. Dabei handelt es sich um den Grundton einer Tonart oder die reine Quinte zu diesem, wobei auch beide zusammen gespielt werden können. Ein Trick, um noch weiter in die Unterwelten des Tonspektrums vorzudringen besteht darin, die noch tiefer liegende Unterquarte (statt der von dieser aus eine Oktave höher liegenden Quinte nach oben) zu verwenden. Der so oder in Varianten erzeugte schnarrende Bass eignet gerade dem Klang der Bordunsaite(n) einer Drehleier.

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Vielle des dames: Diese Damendrehleier wurde 1780 von oder nach einem Modell aus der Werkstatt des Geigenbauers Pierre Louvet gebaut (31.1.2005 User_ Frinck51, GNU-Liz. p.d.)

Vielle des dames: Diese Damendrehleier wurde 1780 von oder nach einem Modell aus der Werkstatt des Geigenbauers Pierre Louvet gebaut (31.1.2005 User: Frinck51, GNU-Liz. p.d.)

Diese Saiten erzeugen einen konstanten Ton, während ein Rad beim Drehen einer Kurbel die Saiten streicht. Durch eine Tangententastatur kann die Tonhöhe der schwingenden Melodiesaiten verändert werden. Das charakteristische rhythmisch ratternde Näseln des Brummbasses gewährleistet der Schnarrsteg. Die Modelle aus Böhmen kommen ohne Bordunsaiten aus, während ein ganz anderer galizischer Instrumententyp den Schnarrsteg nicht kennt. Auch wenn die Drehleier, die nicht selten auf Mittelaltermärkten zu sehen und zu hören ist, der Mottenkiste entsprungen zu sein scheint: Sie wird heute sowohl im Jazz und Rock als auch im Industrial-Stil und in der Neuen Musik gebraucht.

Dabei handelt es um eines der ältesten erhaltenen folkloristischen Instrumente in Europa überhaupt: Erwähnungen finden sich bereits in Schriften des 10. nachchristlichen Jahrhunderts, im spanischen Soria zeigt eine Plastik aus der Zeit um 1150 eine riesige Drehleier, die von zwei Spielern bedient werden musste. Bis zum 13. Jahrhundert kannte man sie vor allem unter der lateinischen Bezeichnung Organistrum, mit ihrem französischen Namen Vielle à roue und als englisches Hurdy-gurdy.

Joseph Bodin de Boismortier (1689 - 1755) verwendet die Drehleier in einigen seiner konzertanten Kammermusikwerke (zeitgenöss. Gemälde, US p.d.).

Joseph Bodin de Boismortier (1689 – 1755) verwendet die Drehleier in einigen seiner konzertanten Kammermusikwerke (zeitgenöss. Gemälde, US p.d.).

Leider verlor das von der kirchlichen Kunstmusik schließlich abgewertete vollklingende Saiteninstrument seit dem 15. Jahrhundert zunächst an Bedeutung; 1619 nennt es Michael Prätorius gar mit verächtlichem Unterton Bauren- und umblauffenden Weiber Leyre. Eine gewisse Rehabilitation folgte am Versailler Hof im 18. Jahrhundert etwa mit den Kompositionen von Michel Corrette, Jacques Aubert, insbesondere durch die Serenaden und Concerti Joseph Bodin de Boismortiers, die Werke Charles Buternes oder der Brüder Nicolas und Esprit-Philippe Chédeville, in Italien und München durch den Barockkomponisten Evaristo Felice Dall’Abaco.

Ein Bild von Johann Conrad Seekatz zeigt "Knaben mit Drehlaier" als einem im 18. Jahrhundert sowohl in der Folklore als auch in der Kunstmusik gerne (wieder) gebrauchten Borduninstrument (Van Ham Kunstauktionen, p.d.).

Ein Bild von Johann Conrad Seekatz zeigt “Knaben mit Drehlaier” als einem im 18. Jahrhundert sowohl in der Folklore als auch in der Kunstmusik gerne (wieder) gebrauchten Borduninstrument (Van Ham Kunstauktionen, p.d.).

Noch Mozart nutzte die Drehleier in seinem Deutschen Tanz KV 602/3 und viel später Gaetano Donizetti 1842 in seiner Oper Linda di Chamounix. In der Gegenwart taucht sie in ihrer modernen Bauart 2009 in der Oper Der Kinderkreuzzug des kanadischen Klangforschers Raymond Murray Schafer auf, außerdem bei Valentin Clastrier und in der Bühnenmusik des 1978 geborenen spanischen Gitarristen und Perkussionisten Germán Díaz. Wegen der exotischen und ein breites Frequenzspektrum abdeckenden Klangeigenschaften der Drehleier ist – glücklicherweise – ein Ende weder des Spiels noch ihres Repertoires abzusehen. Einen Überblick über ihren Einsatz in der Barockzeit bietet die Aufnahme La vielle à roue baroque mit Françoise Bois-Poteur, Mario Raskin und André Gabriel (Pierre Verany 1998, B00002406F).

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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