Ground und Divisions upon a ground

Was ein Bass alles möglich macht

Wie Schmetterlinge und Vögel über einem Bach schweben: Variationen und freiere Formen ebenso wie die Entfaltung von Melodien ermöglichte die spezifisch englische Ausprägung des gleichförmig dahinfließenden Basses. Dabei bezeichnete Ground den Ostinato-Bass selbst als auch die ihn bestimmende Form zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert: Diese machte unter dem Namen Division upon a ground nordwestlich von Kontinentaleuropa Karriere. Bei John Bull und William Byrd, den beiden herausragenden Virginalisten des 17. Jahrhunderts, spielt der Ground eine wichtige Rolle, aber auch später etwa in Henry Purcells Musikdrama Dido and Aeneas.

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Neben John Bull komponierte William Byrd (1543 - 1643) gerne Instrumentalstücke mit ostinatem Bass (Vandergucht, p.d.).

Neben John Bull komponierte William Byrd (1543 – 1643) gerne Instrumentalstücke mit ostinatem Bass (Vandergucht, p.d.).

Dabei galt dieser ostinate Bass als Merkmal der englischen Fantasie, bekannter unter dem Gattungsnamen Fancy etwa bei Thomas Morley, insofern als hier die gleiche Tonfolge durch mehrere Stimmen wandern kann. Ein Unterschied zur Praxis auf dem Kontinent bestand in England darin, dass der Ground auch einfach aus mindestens zwei pendelnden Tönen bestehen darf, was in diesem Extremfall gelegentlich zu einer gewissen ermüdenden Einförmigkeit in der (bass-)melodischen wie harmonischen Gestaltung eines Instrumental- oder Vokalwerks führen konnte: Als Beispiel wäre hier Byrds beim Wort zu nehmendes Stück The Bells anzuführen, das im ostinaten Bass lediglich den Wechsel zwischen c und d aufweist. Minimalistische Bewegungen solcher Art finden sich gelegentlich noch in Purcells Opern.

Prominentes Beispiel für den Ground-Bass ist eine Arie in Henry Purcells Oper "Dido and Aeneas" (Hyacinth, 6.11.2011).

Prominentes Beispiel für den Ground-Bass ist eine Arie in Henry Purcells Oper “Dido and Aeneas” (Hyacinth, 6.11.2011).

Größere Kunstfertigkeit herrscht freilich dort vor, wo die Melodie des Ground in Fragmenten auf verschiedene Stimmen verteilt wird; dem Hörer erscheinen auf diese Art “gebastelte” Stücke daher manchmal wie kanonische Variationen. Abwandlungen wie Chaconne oder Passacaglia stellen eine Fortentwicklung dar, die bis weit in das 18. Jahrhundert hinein praktiziert wurden. Gelegentlich wurde, wie der österreichische Tonsatzdozent Reinhard Amon feststellt, auch versucht, durch metrische Veränderungen in den Oberstimmen und deren Überschneidung den sonst allzu deutlichen Einsatz des ostinaten Basses zu “vernebeln”. Anwendung fand der ostinate Bass in den Variationswerken der Klassik und Romantik, während er im 20. Jahrhundert teils zitathaft unter retrostilistischen Vorzeichen bei Igor Strawinsky, Benjamin Britten und Michael Nyman wieder auftaucht.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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