Kurz porträtiert: eine neue Opernplattform

Alternatives Abendprogramm oder Bildungsprojekt?

Da Live-Oper in vielen Regionen der Welt, in denen mit Interesse gerechnet werden kann, nicht verfügbar ist oder die Karten schlicht zu teuer sind, wurde Mitte letzten Jahres ein neues Internetprojekt ins Leben gerufen. An ihm sind zunächst 15 Opernhäuser europaweit beteiligt, die Initiative wird von der EU gefördert. Das Teatro Real in Madrid bestritt im Mai 2015 mit einer Verdi-Oper den Auftakt, Anfang 2016 zog etwa die Komische Oper Berlin mit einer ihrer Premieren nach. Zu den Spielstätten, aus denen online übertragen wird, gehören auch Amsterdam und nicht zuletzt Riga, wo das Musiktheater auch sonst viele jüngere Besucher in seinen Bann zieht.

Administriere bereits ab €0,- Deine Sprachschule!

An der Finnischen Nationaloper wurde erst vor kurzem Sibelius' Kullervo neu inszeniert und vom Projekt The Opera Platform online übernommen (Miika Silfverberg, Vantaa 17.2.2008).

An der Finnischen Nationaloper wurde erst vor kurzem Sibelius’ Kullervo neu inszeniert und vom Projekt The Opera Platform online übernommen (Miika Silfverberg, Vantaa 17.2.2008).

Dass Barry Kosky, Intendant und Regisseur in Berlin, die Zukunft der Oper nicht im Internet sieht, ist trotz des basisdemokratischen Bildungsanschubs nachvollziehbar. Denn Oper wie auch andere theatralische Formen leben von der Anwesenheit, den Reaktionen des Publikums, durch grenzüberschreitende direkte Interaktion und das nicht erst seit Brechts Wachrüttler “Glotzt nicht so blöd!”. Vielmehr sollte, darin sind sich viele seiner Kolleginnen und Kollegen einig, das Online-Erlebnis – sei es im Kinosaal oder zu Hause – nur der Anlass sein, der jüngeren und mittleren Generation, Familien, Kindern und Jugendlichen wieder in die Oper zurückzuholen, nachdem die Nische für das einzigartige Kulturforum in den letzten Jahren immer enger geworden ist.

Bühnenbild zur Turiner Aufführung von Puccinis "Manon Lescaut" 1893: Ab April 2016 wird die Oper in einem Mitschnitt aus Riga online verfügbar sein (Bühnenbild des 2. Akts, Archivio Ricordi Milano, 20.11.2008, PD-ART, US p.d.).

Bühnenbild zur Turiner Aufführung von Puccinis “Manon Lescaut” 1893: Ab April 2016 wird die Oper in einem Mitschnitt aus Riga online verfügbar sein (Bühnenbild des 2. Akts, Archivio Ricordi Milano, 20.11.2008, PD-ART, US p.d.).

Dabei handelt es sich seit Aristophanes’ und Sophokles’ Zeiten um Gesamtkunstwerke auf der Bühne, zu dem Musiker, singende Schauspieler, bunte Kostümierung, Chöre, Lieder und Ballett ursächlich beitrugen. Die (ekstatische) Weltfülle des Musiktheaters europäischer Provenienz ist darüber hinaus einzigartig. Eine großzügigere Kampagne auch seitens der Politik ist somit überfällig gewesen. Das Internet könnte hier tatsächlich eine vermittelnde Scharnierfunktion erfüllen. Daher verdient das Projekt The Opera Platform gebührende Aufmerksamkeit.

David Pountney inszenierte 2015 die triumphale Neuaufführung von "Straszny Dwór" in Warschau (Christian Ammering, 23.4.2009, p.d.).

David Pountney inszenierte 2015 “Straszny Dwór” in Warschau (Christian Ammering, 23.4.2009, CC-BY-SA-3.0-DE).

Hier ist nicht nur das Vorzugsrepertoire der AbonnentInnen im Rentenalter von Wagner über Verdi bis Puccini präsent – auch weniger Bekanntes kommt zum Zug: Nach Kassenschlagern wie Tschaikowskis Jewgeni Onegin und Bizets Carmen lief in einer musikalisch wie der Inszenierung nach grandiosen Interpretation des Warschauer Teatr Wielki Stanisław Moniuszkos Straszni DwórDas Gespensterschloss – auch über die Bildschirme und kann nach wie vor gestreamt werden. Die Aufführung der amüsanten komischen Oper, die mit Atavismen des Aberglaubens in der Gesellschaft spielt und in vielen Passagen an Rossini denken lässt, datiert auf den 19. November 2015. Sie fand zum 50. Jahrestag der Wiedereröffnung des Hauses nach dem Zweiten Weltkrieg und genau 100 Jahre nach der Uraufführung unter Leitung von Andriy Yurkevich statt.

Das Teatr Wielki in Warschau präsentierte im November 2015 eine Jubiläumsinszenierung von Moniuszkos "Straszny Dwór" (Szczebrzeszynski, 8.8.2009).

Das Teatr Wielki in Warschau präsentierte im November 2015 eine brillante Jubiläumsinszenierung von Moniuszkos “Straszny Dwór” (Szczebrzeszynski, 8.8.2009).

Der Zar hatte als Repräsentant der russischen Besatzungsmacht die Oper von der zweiten Wiederholung an verboten und damit natürlich indirekt ihre Popularität in Polen enorm befördert. Im Web steht sie seit 14. Dezember zur Verfügung und wird noch (mindestens) bis zum 18. Mai 2016 dort in hoher digitaler Auflösung verbleiben. Erst kürzlich wurde aus der finnischen Nationaloper Helsinki übrigens Sibelius’ Kullervo in berückend ausdrucksvollen Tanzszenen übertragen.

Weniger vertraut ist heute auch Thomas Adès Kammerstück Powder her face aus dem Jahr 1963, das von The Opera Platform  in einer neuen Aufführung mit dem La Monnaie Symphony Orchestra unter Alejo Pérez und der famosen Sopranistin Allison Cook als offensiver Herzogin gezeigt wird. Ab 15. April 2016 wird Giacomo Puccinis Manon Lescaut in einer Inszenierung der Lettischen Nationaloper Riga online abrufbar sein.

PS.: Auch bei Facebook? Dann werde Fan von amusio!

Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>