Interview mit Ghazi Barakat (Pharoah Chromium)

„Ich biete eine Alternative zur Musik”

Album: Electric Cremation (pharoahchromium.bandcamp.com)

Album: Electric Cremation (pharoahchromium.bandcamp.com)

amusio: „Von dir flankierend eingebrachte Chiffren machen dich über das Musikalische hinaus auch emotional greifbar: Genre-Bezeichnungen wie mutant-psych, ethno-doom oder après-coup wirken anregend und sprechen eben nicht für sich selbst. Oder auch der bereits angesprochene Aufgriff des Neo-Brutalismus, als eine urbane Realität von offenbar gescheiterten gesellschaftlichen Utopien…“

Ghazi Barakat : Le Corbusier intendierte ja eine geradezu anthroposophisch gedachte Architektur. Der italienische Neo-Brutalismus war hingegen eine Reaktion auf einen sozialen Wohnungsbau, der nach und nach Ghettos und Gefängnisse entstehen ließ.“

amusio: „Hier lässt sich also schon ein thematischer Bezug auf Gaza erkennen. Es besteht vermutlich eine Art roter Faden hinsichtlich der von dir aufgegriffen Themen und ihrer von dir gewählten Repräsentationsform. Welche Rolle spielt dabei der von dir ins Spiel gebrachte Après-Coup – oder Jacques Lacan?“

Ghazi Barakat: „Nun ja, der Begriff geht natürlich auf Freud und Lacan zurück. Ich pflege einen gewissen Sarkasmus, wenn ich assoziativ wirksame Begriffe einbringe. Man darf dieses Faible auch als Pseudo-Intellektualismus deuten (lacht).“

amusio: „Mit einem Hang zur Überhöhung, gerne auch in Form einer allseits beliebten Vorsilbe, wenn es um eine Bezeichnung deiner Musik geht: ‚meta-music for meta-people in a meta-world‘…“

Ghazi Barakat: „Tja, was für eine Musik mache ich? Ich biete eine Alternative zur Musik! Meine Kenntnisse der notierten, ernsten Musik sind zu oberflächlich, ich bin ein musikalischer Analphabet. Auch darum fühle ich mich von ethnischer Musik extrem angezogen. Bei ihr kommt es zumeist eben nicht auf Korrektheit an. Und auch die Gründe, warum sie entsteht und gespielt wird – es sind andere, als die für unsere westliche Kunstmusik wesentlichen. Es geht um das Rituelle, das Befreiende, sie handelt vom Leben und dem Glauben – und spricht mich somit viel mehr an als das Über-Theoretisierte eines akademischen Musikverständnisses.“

amusio: „Während anerkannt experimentelle Musiker entweder von der Akademie oder vom Jazz kommen, bist du ein Autodidakt und Freidenker mit Sinn für Selbstironie, oder?“

Ghazi Barakat : „Ein Freund meinte mal, ich würde mich auf unernste Weise ernsten Themen nähern, dabei aber sehr professionell und stoisch vorgehen. Das hat mir gefallen, dem stimme ich zu.“

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