John Debneys symphonischer Coup

Tendenz zum Parallelkunstwerk

Am 14. April fiel der Startschuss in den deutschen Kinos, Sektkorken und Popcorn knallten zur Erstaufführung. Und gleichzeitig war John Debneys Soundtrack zum “neugeborenen” 3D - Jungle Book von Jon Favreau auf Tonträger verfügbar. Das Bemerkenswerte hierbei ist, dass die Abfolge der vokalen und rein instrumentalen Stücke zwar in etwa dem Nummernschema der alten Zeichentrickversion von 1967 folgt, dass diese aber gehaltlich dank der Realanimation im Film gänzlich andere symphonische Wege einschlagen. Denn der Film richtet sich gleichermaßen wie an Kinder (erst) ab 6 Jahren dezidiert an alle älteren Zuschauer, die die Premiere der ersten Disney-Version selbst noch in Moglis alias Neel Sethis Schulterhöhe erlebt haben.

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John Debneys Filmmusik eröffnet beinahe ein symphonisches Paralleluniversum zum neuen Realanimationsfilm von Jon Favreau (2016, Universal Music, B01BI06JNC).

John Debneys Filmmusik eröffnet beinahe ein symphonisches Paralleluniversum zum neuen Realanimationsfilm von Jon Favreau (2016, Universal Music, B01BI06JNC).

Sieht man von den überaus kommerziellen, monopolverdächtigen Schattenseiten des umsatzmonströsen US-Unterhaltungskonzerns ab, so lässt sich den Kompositionen von John Debney viel Sympathisches abgewinnen: In etlichen Tracks erscheinen die einfachen musikdramaturgischen Effekte der Erstverfilmung aus dem belletristisch gewichtigen Roman Rudyard Kiplings nun – den erwachsenen Zuschauern entgegenkommend – kunstvoll verfeinert und nähern sich der romantischen Symphonie sowie sekundär Instrumentalsätzen aus Musicals jüngeren Datums an.

Zu mehr als 100 Kinofilmen schuf John Debney, Jahrgang 1956, die Musik (Floatjon, 18.7.2013, GNU Free Doc. Lic.).

Zu mehr als 100 Kinofilmen schuf John Debney, Jahrgang 1956, die Musik (Floatjon, 18.7.2013, GNU Free Doc. Lic.).

John Debney, der sich schon mit der Vertonung von Cats & Dogs (2001), Bruce Allmighty (2003) und The Double (2011) große Filmmusikverdienste erworben hatte, schlägt mit viel Einfühlungsvermögen eine Brücke zwischen einem handlungssynchron illustrierenden Verfahren und einem selbstständigen symphonisch durchgestalteten Dramatisieren des Texts rein mit den “Waffen der Musik”. Optisch wirkungsvolle Momente werden in der akustischen Perzeption so in die Faktur der Komposition eingebettet, dass sie sich auch in einer leitmotivisch angelegten Ouvertüre zum Stoff der Vorlage nahtlos und eher unauffällig in die formale Struktur einfügen würden. Auf Altbekanntes wird dennoch teilweise zurückgegriffen: Den bekannten Song Versuch’s mal mit Gemütlichkeit gibt es in einer rhythmisch leicht veränderten, aber schwungvollen Orchesterversion zu hören, die sich in weiteren Szenen des Films dominant in den Vordergrund schiebt.

So sah ein Maler 1930 Moglis rettenden Ritt auf dem Panther Baghira (Lionel Allorge, Mowgli chevauchant le panthère Bagheera, Ölgemälde, p.d.).

So sah Henri Deluermoz 1930 Moglis rettenden Ritt auf dem Panther Baghira (Mowgli chevauchant le panthère Bagheera, Ölgemälde, Lionel Allorge, p.d.).

Der kalifornische Komponist, der unter anderem für die Disney-Produktion Ein Königreich für ein Lama (2000) eingesprungen war, wurde bereits dreimal mit dem Emmy Award ausgezeichnet. Seine Kooperation mit Disney intensivierte sich nach einigen gemeinsamen Filmen, als er für Projekte zu den weltweit verstreuten Themenparks, zur Spectromagic-Illumination in Florida und zur Spukhaus-Inszenierung Phantom Manor im Disneyland Paris die klangliche Basis schuf. Debneys originale Titelmelodie zum aktuellen Jungle Book ist jedenfalls bis auf weiteres auch in den Ohren der Klassikhörer “hitverdächtig” und wird dem ernsthaften Anspruch von Kiplings Roman durchaus gerecht.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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