Interview mit Stefan Fraunberger

„Die einzige Konstante ist Veränderung“

Im Rahmen der Quellgeister, von denen inzwischen der zweite Teil Wurmloch (Interstellar Records) erschienen ist, begibt sich der österreichische Klanghermeneutiker Stefan Fraunberger nach Siebenbürgen. Dort findet er in verlassenen Kirchen rund dreihundert Jahre alte Orgeln vor – und widmet sich ihnen. Intuitiv, nicht restaurativ. Mit ambisonischer Methodik und einer ausgeprägten Sensibilität für den Wert der Ambiguität. So sich im Gespräch auch zahlreiche Bedeutungsebenen seiner archäologischen Forschung andeuten, kann es das dringend empfohlene Erlebnis der Quellgeister nicht ersetzen.

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(Stefan Fraunberger)

(Stefan Fraunberger)

amusio: „Servus Stefan, das Hörerlebnis der Quellgeister war der Auslöser meines Interesses an deiner Arbeit, zumal der situative Kontext für mich persönlich bekannt und somit nachvollziehbar ist. Erst im Nachhinein erfuhr ich von deinen vielfältigen Interessensgebieten und künstlerischen Schwerpunkten. Und davon, dass du dich unter anderem als Klanghermeneutiker bezeichnest. Kannst du diesen Begriff in Hinblick auf deine Person etwas näher erläutern?“

Stefan Fraunberger: „Es klingt zwar etwas dick aufgetragen, ist aber nicht so gemeint. Den Begriff der Hermeneutik verstehe ich zunächst ganz im Sinne der klassischen Geisteswissenschaft, als interpretatorische Lesart sowie als Methode des Filterns von Textwissen. Auch für mich geht es um Lesarten, aber nicht in dem vereinnahmend rationalen Sinne, dass ein Text, ein Kunstwerk oder auch Musik und Klang auf eine als richtig anzuerkennende Bedeutung fixiert wird. Eine solche Sichtweise zielt nur auf die Oberfläche, auf Relationen, die stets kulturell gebunden sind, und zu Phänomenen führen, die ein fundamental begrenztes, mitunter rassistisches Weltbild bedienen oder unterstützen – selbst wenn es sich um moderne Spielarten von Kunst / Musik dreht. Zum Beispiel die übergriffige Einteilung, wie sie vom westlichen Musikverständnisses vorgenommen wird: Es gibt E-Musik, U-Musik, F-Musik. Der Rest ist schlicht Weltmusik, da fährt die Eisenbahn drüber, fertig.“

amusio: „Möchtest du als Klanghermeneutiker die Oberflächen und somit das Politische ausblenden oder unterwandern?“

Stefan Fraunberger: „Wer sagt, Musik sei nicht politisch, der irrt. Warum geht Pop aus den USA um die ganze Welt, während ein Bollywood-Song außerhalb Indiens allenfalls noch als lustig empfunden wird? Im internationalen Umgang mit musikalischen Kulturen und deren globaler Vermarktung manifestiert sich die koloniale Weltordnung. Ästhetische Dominanz geht hier mit politischer und militärischer Macht einher. Mir geht es jedoch nicht um die diese, die Offenheit beschränkende Oberfläche, sondern um etwas Subtiles, erst in zweiter oder dritter Instanz Politisches. Die Frage lautet: Wie nehme ich etwas wahr und wozu führt diese Wahrnehmung? Welche Attribute werden individuell durch Wahrnehmung, Klangspektren, harmonische oder disharmonische Verhältnisse ausgelöst? Mit dieser Fragestellung verfolge ich eine Art Lehre der Zustände und Attribute, die ich gar nicht in ein erklärendes System bringen oder in ein Weltbild einordnen möchte. Ich will lediglich das Feld abstecken.“

amusio: „Und womit bestellst du dein Feld?“

Stefan Fraunberger: „Zustände, so auch Musik, wirken auf mich ein. Das Rauschen eines Baumes, der Verkehr auf der Straße ebenso wie jeder ausgesprochene Buchstabe, der zu einer Bedeutung führt. Es geht um körperliche Zustände und Archetypen, die im Sinne von Sprachen wirken. Das ist natürlich alles sowohl kulturell als auch rational gebunden, aber ich versuche, dem emotional Konditionierten auf die Spur zu kommen: Wie nehme ich etwas wahr, in welchen Zustand versetzt es mich? Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Zustände ohnehin gegeben sind. Wer diese Faktizität leugnet, kommt nur schwerlich voran.“

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