Barocker Rundgang durch 16 Länder(eien)

Manchmal mit Perücke

Weltweit gesehen handelt es sich tatsächlich um ein seltenes Phänomen, in Deutschland ist es wie manch andere Merkwürdigkeit möglich geworden: Hinter den durch Dezentralisierung entstandenen Bundesländern schimmern die alten territorialen Grenzlinien mehr oder minder despotisch geführter Fürstenstaaten hervor. Im Zeichen der historisch informierten Aufführungspraxis und manch luftiger Sonnenkönigsnostalgie finden sich auf dem Boden dieser etwas altbacken scheinenden Provinzen immer wieder Ensembles zusammen, die sich der Perücken- und Zopfzeit, manchmal in noch fernerem Grau dämmernden Epochen verbunden fühlen. Dabei kommt es immer wieder vor, dass MusikerInnen im Schlossambiente Kostümierungen vor allem aus dem 18. Jahrhundert Frack und Abendkleid vorziehen.

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450px-Dresden-Zwinger-Courtyard_17-Baroque_Costumes Ingersoll 21.08.2005Dank der Musik, die, solange sie noch live aufgeführt wird, nicht so schnell ihre Aktualität verliert: In Brandenburg etwa ist neben der Cammermusik Potsdam das Orlando-Ensemble aktiv. Die fünf Sänger und Instrumentalisten sehen sich namensgemäß vor allem der Renaissance verpflichtet; erst am 3. September traten sie mit ihrem neuen Programm Il bianco e dolce cigno in der Berliner Kirche St. Peter und Paul auf Nikolskoe auf. Das gleichnamige Madrigal von Jacobus Arcadelt vom weißen und liebreizenden Schwan findet als Ohrwurm des 16. Jahrhunderts durchaus noch heute seine Hörer. In Berlin selbst liegt die Zahl der Alte-Musik-Formationen noch deutlich höher: Ganze 30 Vereinigungen zählt der Deutsche Musikrat hier auf. Die höchste Punktzahl im Ranking verteidigt neben der Lautten-Compagney die Akademie für Alte Musik, die noch bis zum Sonntag, den 18. September mit Purcells Oper Dido & Aeneas in der Choreographie von Sasha Waltz am Teatro dell’Opera di Roma gastieren und schon am 25. September in der Kreuz-Kirche Dresden Bachs h-Moll-Messe aufführen wird.

Die fünfköpfige A-cappella-”Banda” amarcord vertritt Sachsen am Freitag, den 16. September um 20 Uhr im Kaiserdom des niedersächsischen Königslutter. Die Sänger sind in Leipzig beheimatet und wohnen damit in unmittelbarer Nachbarschaft zum Neuen Bachischen Collegium Musicum. Nicht nur wegen seiner zahlreichen Einspielungen hat sich das Augsburger Ensemble für frühe Musik in Bayern, im alemannischen Raum und darüber hinaus einen Namen gemacht.

Das Münchner Barockorchester L'arpa festante bei einer Probe von J.S. Bachs h-Moll-Messe in Idstein (28.9.2013, Gerda Arendt, p.d.)

Das Münchner Barockorchester L’Arpa festante mit Chor bei einer Probe von J.S. Bachs h-Moll-Messe in Idstein (28.9.2013, Gerda Arendt, p.d.)

Daneben hat erst kürzlich die Hofkapelle München eine mit Preis bedachte Aufnahme von Gluck-Arien und einer Weltersteinspielung von Antonio Sacchini mit dem Countertenor Valer Sabadus auf den Weg gebracht. Das Freiburger Barockorchester in Baden-Württemberg , das von Petra Müllejans und Gottfried von der Goltz geleitet wird, eröffnet die neue Saison am 21. September um 20 Uhr in Stuttgart unter dem aufrüttelnden Motto “Sturm und Drang”: Das Publikum darf sich auf Haydns Symphonie c-Moll Hob. I 52 sowie Werke von Carl Philipp Emanuel und Johann Christian Bach und ein Mozart-Klavierkonzert freuen.

I Villani aus Neustadt an der Weinstraße in Rheinland-Pfalz versuchten bisher unter ihrem musikalischen Leiter Luigi Maiello auf die neapolitanische folkloristische Musik in der Renaissance und im Barock gleichermaßen aufmerksam zu machen. Im kleinsten Flächenland, dem Saarland, hat sich das Ensemble pazzaCaglia mit seiner Leiterin Claudia Kemmerer in den Vordergrund “gespielt”; einer der Prototypen der späteren Barockoper, nämlich Stefano Landis Musikschauspiel Il Sant’Alessio, wird nach der vergangenen Saarbrücker Premiere am 25. September in der Kölner Kirche St. Ursula zu hören sein. Das auch in Performances mit neuen Medien auftretende Ensemble setzt sich – nicht ganz alltäglich - aus zwei Sopranstimmen, davon eine aus männlicher Kehle, Violoncello, Cembalo und Laute zusammen.

Valer Sabadus steht nicht nur auf den Brettern von Schloss Versailles wie hier zur Aufführung der Oper 'Catone in Utica', sondern in diesem Jahr auch in Niedersachsen und Bayern auf der Bühne (Testus, 17.6.2015, CC-Liz.).

Valer Sabadus steht nicht nur auf den Brettern von Schloss Versailles wie hier zur Aufführung von ‘Catone in Utica’, sondern in diesem Jahr auch in Niedersachsen und Bayern auf der Bühne (vord. Reihe, 3. von rechts; Testus, 17.6.2015, CC-Liz.).

Dass Nordrhein-Westfalen mit seinem Dreigestirn Concerto Köln, Cantus Cölln und Camerata Köln eine Menge zu bieten hat, steht ohnehin außer Frage; am 23. September um 20 Uhr zelebriert Concerto Köln in Georgsmarienhütte Vivaldis Vier Jahreszeiten. Grenzüberschreitungen wagt in Niedersachsen das Ensemble Musica Alta Ripa mit dem Rapper und Dichter Samy Deluxe und Sänger Valer Sabadus am 12. November um 19 Uhr in der Neustädter Stadt- und Hofkirche anlässlich des 300. Todestags von Gottfried Wilhelm Leibniz in diesem Jahr. Das junge Oboenquartett On Air aus Bremen machte zuletzt durch sein Programm Les Nations - War and Peace von sich reden. Jean-Baptiste Lullys großes Oboenensemble am Hof Ludwig XIV. mochte bei der Gründung der Formation 2012 Pate gestanden haben.

Für Schleswig-Holstein tritt das Marais Consort aus Wedel seine (vor-)herbstliche Konzertreise an. Am 22. Oktober wird es um 20 Uhr in der Bingener Villa Sachsen in der Besetzung als Gambenconsort mit Cembalo unter dem Motto Wege zu Henry Purcell den Abend füllen. Neben der Hamburger Ratsmusik ist in der Hansestadt das Elbipolis Barockorchester ein Begriff. Auf dem Usedomer Musikfestival wird es am 1. Oktober unter der Leitung von Olof Boman und schwedischer Fahne mit Werken von Johan Helmich Roman sowie von Thomas Jennefeldt und Jan Sandtström vertreten sein. Das in Schwerin beheimatete Mecklenburgische Barockorchester Musica Instrumentalis, auch bekannt als Erbin der “Herzoglichen Hofkapelle”, zeichnet seit 1984 für zahlreiche Konzerte verantwortlich.

Großen Erfolg auf dem Klassik-Markt verspricht 2016 die aus verschiedenen Renaissance-Kompositionen zusammengestellte CD des Weimarer Ensembles The Playfords (B01BZHT3LS, Harmonia Mundi 2016).

Großen Erfolg auf dem Klassik-Markt verspricht 2016 die aus verschiedenen Renaissance-Kompositionen zusammengestellte CD des Weimarer Ensembles The Playfords (B01BZHT3LS, Harmonia Mundi 2016).

Die Wittenberger Hofkapelle in Sachsen-Anhalt sieht sich insbesondere dem Repertoire des 16. und 17. Jahrhunderts sowie im Speziellen dem stadtprominenten Liederdichter Paul Eber verpflichtet. Für den 27. September um 19 Uhr ist in Bad Schmiedeberg - famos auf diversen Saiteninstrumenten einschließlich Theorbe gespielt – wieder ein gemischtes Programm unter dem Motto La Guitarra española angekündigt. Das Land Hessen trägt mit den Wiederentdeckungen alter Meister durch Michael Schneiders Frankfurter La Stagione zur Quicklebendigkeit barocker Kunstmusik in der Gegenwart bei; kaum ein Barockorchester verfügt über eine vergleichbar breite Diskographie. Erst vor kurzem machte übrigens in (und außerhalb von) Thüringen das Weimarer Quintett The Playfords Furore, indem es sein aktuelles Programm Luther tanzt auf CD brennen ließ. Zum “güldenen Herbst” in Auerstedt am 16. Oktober um 17 Uhr wird das Ensemble aus Shakespeares Songbook sowie Tunes und Balladen aus seinen Stücken zum Besten geben.

 

 

 

 

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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