Die Dirigentin Julia Jones

Eine Berufung wie jede andere?

Kürzlich stand es in Musikforen wieder auf der Tagesordnung, obwohl es sich in diesem Land schon um ein arg strapaziertes Thema handelt: Woran liegt es, dass es immer noch so wenigen Nachwuchsmusikerinnen mit dem persönlichen und organisatorischen Talent zur “Führungskraft” gelingt sich durchzusetzen, wenn es darum geht, ein Orchester zu leiten? In der Mehrzahl der Fälle landen nämlich exzellente Absolventinnen im Fach Dirigieren nach einem vorhergehenden Klavier- oder Violindiplom und gelegentlich parallelem Kompositionsstudium in einer kleineren (oder größeren) Kantorei als Chordirigentinnen, selbst wenn sie sich selbst den Posten an der Spitze eines Symphonie- oder Kammerorchesters gewünscht hätten.

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In der Historischen Stadthalle Wuppertal wird das Neujahrskonzert 2017 unter der Leitung der neuen Chefin des Hauses, Julia Jones, stattfinden (Georg Sander, CC-Liz.).

In der Historischen Stadthalle Wuppertal wird das Neujahrskonzert 2017 unter der Leitung der neuen Chefin des Hauses, Julia Jones, stattfinden (Georg Sander, CC-Liz.).

Zur Begründung wird damit argumentiert, dass Frauen als Dirigentinnen großer (instrumentaler) Klangkörper jene Netzwerke fehlen, in die spätere Männer am Pult bereits hineingeboren werden. Doch erstens wissen sich Karrierebewusste durch ein Plus an Kommunikationsaktivität mit diesen Kollegen selbst eine (inter)nationale Zusammenarbeit leichter erarbeiten, zweitens zeigt etwa das historische Beispiel der weiblichen Protektion an Fürstenhöfen in Italien und auch Frankreich, dass unter den Damen des öffentlichen Lebens nicht prinzipiell eitel Neid und Eifersucht herrschen, sondern ebenso selbstverständlich kooperiert wird. Ein gutes Beispiel eben hierfür ist aktuell die britische Dirigentin Julia Jones, die gewiss nicht angstvoll darauf fixiert ist, ob und welche besseren Fachkolleginnen nachkommen, um dann etwa in die Rolle der “bösen Königin vor dem Schneewittchen” zu schlüpfen; vielmehr avancierte sie einst als zweite Kapellmeisterin durch das Zusammenwirken mit ihrer vorgesetzten Generalmusikdirektorin Alicja Mounk.

Mit dem Studium an der Chetham's School of Music begann Julia Jones' Karriere (Portal, 21.3.2009, Mike Peel).

Mit dem Studium an der Chetham’s School of Music startete Julia Jones’ Karriere (Portal, 21.3.2009, Mike Peel, CC-BY-SA-4.0).

Vor nicht langer Zeit wurde ihr anlässlich der Interpretation einer Tschaikowsky-Oper ein “kräftiger Strich” bei der Leitung nachgesagt. In Interpretationen seiner Musik neigt sie laut Presse gerne zum symphonischen Breitwandszenario, womit sie die emotionale Stärke, die seinen Orchesterwerken innewohnt, entsprechend umsetzt. Julia Jones, die ihre Laufbahn an der Chetham’s School of Music in Manchester begann und als Korrepetitorin am Staatstheater Stuttgart erste berufliche Erfolge einfuhr, nutzt einfach alle Möglichkeiten, die ihr das gesamte symphonische Repertoire und der jeweilige Klangkörper bietet, sei es in New York, Basel, Lissabon und London.

An der Volksoper Wien führte Julia Jones mit großem Erfolg Janáčeks Oper "Die Ausflüge des Herrn Brouček" auf. (Michal-Maňas-CC-Liz-25.4.2006).

An der Volksoper Wien führte Julia Jones mit großem Erfolg Janáčeks Oper “Die Ausflüge des Herrn Brouček” auf. (Michal Maňas, CC-Liz.,25.4.2006).

 
Von Mozart abgesehen tauchen in Julia Jones’ Programmen die Werke der Wiener Klassik seltener auf, was an deren häufig eher normativem als expressivem Charakter liegen könnte. Mit großem Publikumsecho dirigierte sie dagegen La damnation de Faust in Frankfurt, aber auch Idomeneo an der Hamburgischen Staatsoper. Überhaupt hegt sie eine Vorliebe für Mozarts und Giuseppe Verdis Bühnenwerke, doch gilt ihr Interesse auch der frühen Moderne, wie 2005 und im Folgejahr ihre Leitung der Janáček-Neuproduktion Die Ausflüge des Herrn Brouček in Wien zeigte.

Im Einsatz am Pult: Julia Jones (wuppertal.de)

Im Einsatz am Pult: Julia Jones (wuppertal.de)

Seit der Sommersaison 2016 fungiert sie – nach dem Engagement als Leiterin der Staatskapelle Dresden ab 2011 – nun als Chefin des Wuppertaler Opernhauses und erste Dirigentin des dort beheimateten Symphonieorchesters. Sie ist hier Toshiyuki Kamioka nachgefolgt, der in Tokyo das New Japan Philharmonic Orchestra übernahm. Als frischgebackene Generalmusikdirektorin fällt Julia Jones die Ehre zu, in der Historischen Stadthalle durch das Neujahrskonzert 2017 zu führen. Entsprechend dem vorabendlichen Feuerwerk gibt es ein ebenso buntes symphonisches Potpourri mit einem Akzent auf dem Tango, zu dem der Akkordeon-Virtuose Pascal Contet aufspielen wird.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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