Kurz beleuchtet: eine weitläufige Familie

Cithrinchen und seine großen Geschwister

Wem ist hierzulande bewusst, dass sich das besaitete Begleitinstrument des portugiesischen Fado aus der Tradition der Renaissance-Cistern ableitet? Dem griechischen Ursprung nach geht das Wort auf die leierartige κιθάρα und demnach auf einen Vorläufer der Gitarre zurück. Dabei handelt es sich aber um eine Kastenhalslaute, wie sie vor allem im 16. Jahrhundert verbreitet war. Wegen der vielfältigen Erscheinungsfamilie bilden die Cistern nach heutigem Verständnis aber eine Instrumentenfamilie. Dazu gehören in Bauart, Klangcharakter und Spielweise so unterschiedliche Instrumente wie “Cyther” und Waldzither.

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Das Hamburger "Cithrinchen" aus Fichte und Palisander, eine handliche Bonsai-Variante der Cistern, geht auf den Instrumentenbauer Hinrich Kopp zurück (Bayerisches Nationalmuseum, München, Inv. Nr. Mu 13, 2009, p.d.).

Das Hamburger “Cithrinchen” aus Fichte und Palisander, eine handliche Bonsai-Variante der Cistern, geht auf den Instrumentenbauer Hinrich Kopp zurück (Bayerisches Nationalmuseum, München, Inv. Nr. Mu 13, 2009, p.d.).

Trotz teilweise gleicher Benennung hat die Cister in ihren Spielarten mit der Zither der ländlichen Unterhaltungs- und Tanzmusik nichts gemein. Schon früh, nämlich bereits im 10. bis 12. Jahrhundert, wurde sie als “Erbin” der hochmittelalterlichen  Zupffiedel von der Laute abgeleitet. Sie ist aber anders als diese mit Metallsaiten ausgestattet, die zunächst mit einem Plektrum oder Federkiel angeschlagen werden, etwas später auch mit bloßen Fingern.

Der Dichter der feucht-fröhlichen Lieder unter dem Titel "Fredmanns Episteln", nämlich Carl Michael Bellman, spielt hier mit dem handlichen 12saitigen Cithrinchen auf (Portrait von Per Krafft, 1779, p.d.).

Der Dichter der feucht-fröhlichen Lieder unter dem Titel “Fredmanns Episteln”, nämlich Carl Michael Bellman, spielt hier mit dem handlichen 12saitigen Cithrinchen auf (Portrait von Per Krafft, 1779, p.d.).

Als Martin Luther Ende des 19. Jahrhunderts in anachronistischer Verklärung unter dem Weihnachtsbaum und damit als dessen Urheber imaginiert wurde, glaubte man auch an eine “Lutherzither” aus der Renaissance, auf der angeblich der Reformator meisterhaft spielte, doch existieren dafür keine Belege. Im übrigen scheint der kantige, nüchterne Kirchenreformer dem Naturell nach nicht unbedingt ein Verfechter mehrstimmiger weltlicher Instrumentalmusik gewesen zu sein …

Um eine besondere Variante handelt es sich bei der so genannten “english guitar”, die vor allem vom Ende der Rokokozeit bis in die romantische Periode hinein gefragt und beliebt war und neben vier Chören über zwei Basssaiten verfügte. Tatsächlich taucht sie aber in England nicht eben häufig auf, weshalb die Bezeichnung wohl lediglich eine Unterscheidung von der “portugiesischen Gitarre” bezweckt. Verschieden von dieser besaß das Instrument mit dem tropfenförmigen Korpus eine Wirbelmechanik aus senkrecht stehenden Schrauben mit Haken als Saitenhalter, an denen gedreht und geschraubt werden konnte. Außerdem ließ sich an ihr ein Kapodaster zur Klangmodifizierung anbringen.

Zum Fado wird gerne eine ferne Cousine der Cister, die "portugiesische Gitarre" eingesetzt (Coimbra, TenIslands, 19.7.2008, p.d.).

Zum Fado wird gerne eine ferne Cousine der Cister, die “portugiesische Gitarre”, eingesetzt (Coimbra, TenIslands, 19.7.2008, p.d.).

In Werkstätten von Skandinavien bis Norddeutschland entstand als Taschenausgabe der Cister das Cithrinchen. Auf einem alten Gemälde von Per Krafft wird der ausgelassene schwedische Liederdichter Michael Bellman mit einer zwölfsaitigen Version des Cithrinchens dargestellt, das dem Spielenden manchmal auch nur zehn Saiten bot. Von dessen Hamburger Schwester kennen wir Bearbeitungen in Lautentabulatur, die wertvoll sind, weil sie als einzige erhaltene Quelle für das erste Jahr der Hamburger Barockoper – dito 1678 – gelten. Übrigens werden wegen des flachen Korpus auch die in der Regel doppelsaitige Mandola und das Mandocello zu den Angehörigen der großen Cisterfamilie gerechnet, auch wenn sie nur als Verwandte dritten Grades gelten können …

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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