Bulgarische Klassik - im europäischen Abseits?

Sofia wird erhört

Erst mit dem Neujahrstusch 2007 trat Bulgarien mit seinem Nachbarstaat Rumänien der Europäischen Union bei. Dass aus diesem kleinen Rausch kein Kater wurde, ist natürlich neben strenger Einhaltung der Kriterien der interdependenten Unterstützung von derzeit 27 Staaten zu verdanken. Dass beide Länder kulturell über Besonderheiten verfügen, die sie zum einen mit der Zeit des Osmanischen Reichs verbinden und nicht gerade mit Westeuropa, gerät manchmal aus dem Blickfeld. Darüber hinaus gehören zu den Musikkulturen Bulgariens und Rumäniens sehr traditionelle Formen von episch breiten mündlichen Erzählungen, Liedern zum Lebenszyklus, folkloristische Linien- und Rundtänze.

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Die namhafte Jemlich-Orgel ziert die Nationale Musikakademie in Sofia (MadMaster 4, 4.12.2007, GNU Free Doc. Lic.).

Die namhafte Jemlich-Orgel ziert die Nationale Musikakademie in Sofia (MadMaster 4, 4.12.2007, GNU Free Doc. Lic.).

Neben der ländlicherseits verbreiteten Bordunpraxis und dem sibenzählenden Liedvers von 6 bis 12 Silben ist auch das Repertorium der Instrumente durchaus unverwechselbar, weist aber Brücken zu den übrigen so genannten Balkanländern auf. So rührt die häufig anzutreffende Verwendung des Akkordeons aus den Jahr(zehnt)en vor dem Ersten Weltkrieg her; wie sonst auf dem Balkan kann man in Bulgarien nicht selten Duos aus Oboeninstrument und Trommel erleben. Roma sind in der Öffentlichkeit als wirkliche Berufsmusiker präsent, in Deutschland warten sie bislang vergeblich auf diese Anerkennung. Formen der Orientierung an Westeuropa kamen in Bulgarien spät, aber deutlich zum Tragen, genau genommen setzten sie sich sogar erst im 20. Jahrhundert durch; in der zurückliegenden, in weiten Teilen von der Kirche bestimmten Kunstmusik spielt die byzantinische Tradition – neben der türkischen - langwährend eine gewichtige Rolle.

Das Label Cantica bietet eine Auswahl aus byzantinischen Kirchengesängen, die von Dobri Christow für Chor gesetzt - und letztlich auch durch Publikation der Vergangenheit entrissen wurden (B0000287GT, 2001).

Das Label Cantica bietet eine Auswahl aus byzantinischen Kirchengesängen, die von Dobri Christow für Chor gesetzt – und letztlich auch durch Publikation der Vergangenheit entrissen wurden (B0000287GT, 2001).

Schon wegen der schieren Größe seiner kulturellen Angebotspalette war Konstantinopel zum Ende des 19. Jahrhunderts prädestiniert, auch eine Komponistenschmiede mit höchst unterschiedlichen Ausrichtungen zu sein. Dort studierte unter anderem Andrej Stojanow (1890 – 1969), Sohn eines damals bekannten Musikpädagogen. Der Pianist in spe wechselte dann an die Wiener Musikakademie und konnte mit dem Diplom in der Tasche und einiger Erfahrung an der Staatlichen Bulgarischen Musikschule weiterwirken. Bereits im Alter von 32 Jahren wurde er an der Staatlichen Musikakademie in Sofia zum Professor ernannt. Zu seinen Kompositionen, mit denen er in familiärer Konkurrenz zu seinem Bruder Wesselin stand, gehören Kammermusik, Chorwerke und Lieder.

Der bulgarische Komponist Dobri Christow setzte sich insbesondere für die Überlieferung, Pflege und Adaptation der Volksmusik seines Landes ein (Central State Archive Sofia, vor 1945, p.d.).

Der bulgarische Komponist Dobri Christow setzte sich insbesondere für die Überlieferung, Pflege und Adaptation der Volksmusik seines Landes ein (Central State Archive Sofia, vor 1945, p.d.).

Die 500-Lewa-Banknote ziert das Bild des in Prag ausgebildeten Dvořák-Schülers Dobri Christow (1875 – 1941), dessen Schaffen mehr in der byzantinischen Kirchenmusik wurzelt, der zahlreiche Elemente aus der bulgarischen Folklore entlehnte. Überhaupt widmete er sich in besonderem Maße der Entwicklung der bulgarischen folkloristischen Musik.

Ihm vorausgegangen war der 1871 in Plowdiw geborene Dirigent Panajot Pipkow, der sowohl in der Oper als auch als Chef des Polizeiorchesters von Sofia in Erscheinung trat. Daneben komponierte er für verschiedene Genres im Bereich der Bühne: eine Oper, zwei Operetten für Kinder, Schauspielmusiken und Chorlieder. Erst an zweiter Stelle stehen solistische Stücke für Klavier und Violine. Er selbst erlebte das Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr, beerbte aber mit seiner Begabung und dem pädagogischen Geschick seinen Sohn Ljubomir Pipkow (1904 – 1974), der vier Sinfonien und Konzerte für verschiedene Soloinstrumente mit Orchester schrieb, unter anderem für Violoncello, Violine und Klavier.

Ein imposantes Kirchengebäude stellt die im byzantinischen Baustil errichtete Alexander-Nevsky-Kathedrale von Sofia dar (Pudelek, August 2013, CC-Liz.)

Ein imposantes Kirchengebäude stellt die im byzantinischen Baustil errichtete Alexander-Nevsky-Kathedrale von Sofia dar (Pudelek, August 2013, CC-Liz.)

Zu den neueren Tonschöpfern im 20. Jahrhundert zählt Aleksandar Iwanow Rajtschew (1922 – 2003). Anders als seine Vorgänger studierte er überwiegend im Herkunftsland, zwischenzeitlich aber auch in Ungarn. Der mit einer Schauspielerin verheiratete spätere Professor für Harmonielehre komponierte zwei bedeutende Ballette, darunter Heiduckenlied von 1953, widmete sich aber ebenso Oper und Operette, Schauspiel und Film, Sinfonie und Konzert; er komponierte außerdem Chorstücke, Lieder und eine Kantate. Sein (nahezu) gleichnamiger Sohn arbeitet heute als Konzertpianist in Deutschland.

 

 

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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