Musik der Karibik XXXV

Die Kompa-Fusion

Bei der großen Zahl an Benefizkonzerten etwa des Weltärzte-Orchesters oder der Berliner Philharmoniker nach dem verheerenden Erdbeben auf Haiti vor sechs Jahren könnte auch – unfreiwillig – genuin europäische Kunstmusik nun eine größere Akzeptanz auf dem Inselstaat gefunden haben. Allerdings stellt sich die Frage: Inwiefern sollte die Vielzahl der (von dem Erdstoß) betroffenen, in ärmlichen Verhältnissen lebenden Insulaner ästhetisch davon profitieren? Bei einem Blick in die reichhaltige Karte der seit langem auf diesem Boden gewachsenen Genres und Stile wird klar, dass die Adaptation der Klassik aus der “Alten Welt” allenfalls am Rande Sinn machen würde …

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Für viele Konzertbesucher anlässlich der Verleihung des Freidensnobelpreises 2009 war dies sicher ein nicht alltäglicher (aber stimmiger) Anblick: Lang Lang tritt zusammen mit dem haitianischen Rapper Wyclef Jean  auf (Harry Wad, CC-BY-SA Liz.).

Für viele Konzertbesucher anlässlich der Verleihung des Freidensnobelpreises 2009 war dies sicher ein nicht alltäglicher (aber stimmiger) Anblick: Lang Lang tritt zusammen mit dem haitianischen Rapper Wyclef Jean auf (Harry Wad, CC-BY-SA Liz.).

Als bekannteste haitianische Musikrichtung gilt der Kompa, bei dem spanische und französische Elemente mit afrikanischen Rhythmen und kreolischen Gesangspartien fusioniert werden. Die Ursprünge liegen in der spezifisch haitianischen Folklore, in diesem besonderen Fall bei der Méringue, deren Pflege im 19. Jahrhundert noch begrenzt war. Der Gitarrist und Saxophonspieler Nemours Jean-Baptiste schaffte mit seinem Orchester Ensemble Aux Callebasses für den Kompa nicht nur den nationalen, sondern gewissermaßen auch den internationalen Durchbruch. Das lag einmal am eingängigen Rhythmus der aufgeführten Stücke, aber auch an der leicht wiederzuerkennenden Melodik. Die Verbreitung über Haiti hinaus begann mit den Konzertreisen der beiden Musiker Webert Sicot und Nemours Jean-Baptiste nach Guadeloupe und Martinique.

Port-au-Prince aus der Luft: Es sollte nicht vergessen werden, dass durch das verheerende Erdbeben 2010 die arme Bevölkerung des Landes noch mehr geschwächt wurde und der Regierungspalast in seinen Grundfesten beinahe zerstört wurde (NASA, US p.d.).

Port-au-Prince aus der Luft: Es sollte nicht vergessen werden, dass durch das verheerende Erdbeben 2010 die arme Bevölkerung des Landes noch mehr geschwächt wurde und der Regierungspalast in seinen Grundfesten beinahe zerstört wurde (NASA, US p.d.).

Daneben erfuhren Stile wie Rara, Mizik Rasin und Mini-Jazz großen Zuspruch. Letzterer bildete die Voraussetzung für den Zouk, der in verschiedenen Teilen der Karibik heute populär ist. Interessant daran ist, dass sich in Dominica und überhaupt auf den Antillen je nach Land unterschiedliche Kadenzformen herausbildeten, wiederum individuelle Ausdrucksmittel verwendet wurden. In Haiti sind außer dem Kompa und kleineren Genres der Rap und in Folge die Varianten des HipHop weit verbreitet; eine neue Sonderform, der Haitian Rap, kristallisierte sich hier bald heraus.

Die aus Haiti stammende Musikerin Régine Chassagne tritt mit ihrer Band 'Arcade Fire' auf (Eurockéennes, 1-7-2007, CC-Liz.).

Die aus Haiti stammende Musikerin Régine Chassagne tritt mit ihrer Band ‘Arcade Fire’ auf (Eurockéennes, 1-7-2007, CC-Liz.).

Heute kennt man auch in Europa den Namen von Wyclef Jean, der mit seinem Vetter Pras Michael und Lauryn Hill in der Formation The Fugees auftrat und mit weiteren international renommierten Musikern zusammenarbeitet(e), etwa mit Santana oder Sarah Connor. Haitianischer Abstammung ist übrigens der deutsche Rap-Künstler Torch, der von Anfang an in der Band Advanced Chemistry mitspielte und als “Urvater” der deutschen Rap-Szene gilt. Eine ungewöhnliche Karriere machte im übrigen auch die auf verschiedensten Instrumenten versierte Régine Chassagne, die vor dem Regime des haitianischen Diktators Duvalier einst nach Chicago geflohen war. Das bekannteste Album, unter dem Namen ihrer Band Arcade Fire herausgegeben, nimmt auf diese Zeit Bezug.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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