Premiere am Theater Erfurt: Die verkaufte Braut

Mephisto hinters Licht geführt

Mit Schwung, Gleichmaß und dem tschechischen Melos angemessenen Temperament dirigierte am Vorabend zum vierten Advent die schon in Luzern und Katowice erfolgreiche griechische Dirigentin Zoi Tsokanou durch einen langen Opernabend: Bedřich Smetanas “Nationaloper” Die verkaufte Braut, uraufgeführt 1866 in Prag, brach sich damit nun am Theater Erfurt Bahn; Interesse und Neugier waren im Vorhinein groß, was sich an den hohen Besucherzahlen deutlich ablesen ließ. Das Philharmonische Orchester Erfurt und der Chor erwiesen sich wiederum in besonderer Weise als geeignet, die normalerweise nicht aufs erste Hören zu entdeckenden harmonischen wie melodischen Finessen der Partitur herauszuarbeiten.

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3. Akt: Die Eltern von Bräutigam und Braut haben ebenso we Mephisto-Kezal keine Gewalt mehr über das Geschehen (Regie: Markus Weckesser, Foto: Lutz Edelhoff, Theater Erfurt).

3. Akt: Die Eltern von Bräutigam und Braut haben ebenso we Mephisto-Kezal keine Gewalt mehr über das Geschehen (Regie: Markus Weckesser, Foto: Lutz Edelhoff, Theater Erfurt).

Hier gilt es zudem nicht einfach böhmisch-mährische Ländler plakativ herauszuposaunen, vielmehr sah sich die Dirigentin herausgefordert, die Vielschichtigkeit der rein instrumentalen ebenso wie der ariosen Partien offenzulegen. Denn wie viele Bezüge zu westeuropäischer Musik, folkloristische Allusionen, Parodien älterer Theatermusik (man denke an die quasi-rezitativische Harfenbegleitung in einem der Monologe), zur italienischen lyrischen Dramatik vor Verdi und Anleihen bei sich selbst finden sich eigentlich nicht in dieser komplex angelegten Oper? Der musikalischen Faktur steht Karel Sabinas Libretto beinahe als komische Kehrseite eines Dorfromans gegenüber: Das eher derbe Sujet, das als reiner Plot nicht selten an einen Komödienstadel erinnert, erfährt seine Verfeinerung durch Nuancen, manchmal mittels spaßiger Zwischenfälle wie dem Auftritt der Komödiantentruppe, die ironischerweise gerade den zur Heirat gezwungenen stotternden Wenzel – verkörpert durch den stimmstarken jungen Tenor Julian Freibott - rekrutieren möchte.

Am Anfang wie zum Happy End: Die Liebe von Marie und Hans triumphiert (Thomas Paul, Margrethe Fredheim; Lutz Edelhoff, Theater Erfurt).

Am Anfang wie zum Happy End: Die Liebe von Marie und Hans triumphiert (Thomas Paul, Margrethe Fredheim; Lutz Edelhoff, Theater Erfurt).

Selten bekam man bei der unüberschaubaren Zahl an Aufnahmen die Einschübe der symphonischen Vltava, “Die Moldau”, in solch nobler Eleganz hören: Zoi Tsokanou gelang es jegliches Wagnerianische Pathos aus der Partitur auszuklammern und insbesondere die Tanzpassage ebenso “swingend” wie feinsinnig darzustellen sowie die sonst gerne derb herausgehämmerte Oberfläche durch eine wahrhaft “taktvolle” Interpretation zu untergraben. Es lässt sich als geschickter Zug der Dramaturgie von Arne Langer bezeichnen, dass die Unterlegung der Handlung durch Die Moldau gerade dort eintritt, wo sie die Nöte des sich vom Elternhaus emanzipierenden Wenzel illustriert, der wie mit dem beständigen Weiterziehen des Flusses und dem möglichen Anschluss an die Komödianten seinem Auszug aus dem heimischen Dorf entgegenstrebt. Im Libretto ist dieser dramatisch freilich durch den Wunsch seines Halbbruders Hans, Marie zu heiraten, bedingt.

Nur scheinbar wird mit dem Vertrag zwischen Heiratsvermittler Kezal und dem Bräutigam in spe Hans Micha die ahnungslose Braut verkauft (Gregor Loebel, Thomas Paul; Lutz Edelhoff, Theater Erfurt).

Nur scheinbar wird mit dem Vertrag zwischen Heiratsvermittler Kezal und dem Bräutigam in spe Hans Micha die ahnungslose Braut verkauft (Gregor Loebel, Thomas Paul; Lutz Edelhoff, Theater Erfurt).

Beide Protagonistenrollen wurden von dem österreichischen Tenor Thomas Paul und der stimmgewaltigen norwegischen “dramatischen” Sopranistin Margrethe Fredheim mit großer Einfühlung wie Leidenschaft gesungen. Der nur scheinbare Verkauf der Braut um 300 Gulden wird dank der augenzwinkernden Mimik des liebenden zukünftigen Bräutigams immer wieder zu Bewusstsein gebracht, den tragischen Passagen, die mit tiefgängiger Schwere musikalisch ausgedeutet wurden, damit ihre Last genommen.

Glücklicher Einfall von Dramaturgie, Regie und Ausstattung: Wenzel Micha wird von einer fahrendem Volk umgarnt, beizutreten (Lutz Edelhoff, Theater Erfurt).

Glücklicher Einfall von Dramaturgie, Regie und Ausstattung: Wenzel Micha wird von fahrendem Volk umgarnt, beizutreten (Lutz Edelhoff, Theater Erfurt).

Ähnliches kann vom Mephistopheles des Librettos, dem Heiratsvermittler Kezal gesagt werden: Dem ihn verkörpernden Basssänger Gregor Loebel sind in dieser Rolle Verschlagenheit, Schalk, pfiffige Ironie und Sarkasmus an jeder Stelle der Aufführung ins Gesicht geschrieben. Als Schicksalswalter und Menschenspieler kommt der Figur vorderhand die Schlüsselfunktion des komischen Dramas zu, doch wird seiner eigennützigen Geschäftstüchtigkeit ja durch den Doppelsinn des von Hans unterschriebenen Ehe(verkaufs)vertrags regelrecht der Boden entzogen, deutlich zu sehen an Kezals zerknirschter Mimik im dritten Akt. Nicht nur stimmlich, auch schauspielerisch legt Gregor Loebel hier eine fast nicht mehr zu überbietende Leistung vor, die ihn mühelos in jeder Verfilmung großer Literatur überzeugend erscheinen ließe.

Guter Rat ist teuer, die um 300 Gulden verratene Braut, mit Hans' und ihren Eltern im Bild, außer sich (Lutz Edelhoff, Theater Erfurt).

Guter Rat ist teuer, die um 300 Gulden verratene Braut, mit Hans’ und ihren Eltern im Bild, außer sich (Lutz Edelhoff, Theater Erfurt).

Hätte sich auch mancher die Oper originalgemäß auf tschechisch gesungen und mit deutschen Untertiteln gewünscht, um noch mehr von der genuinen emotionalen Faktur des Werks zu erfahren, so waren die deutschen Stimmen durchgängig gut akzentuiert und mit wenigen Ausnahmen leicht zu verstehen, auch ohne das man den Text hätte kennen müssen. Die Ausstattung durch Mila van Daag und die Inszenierung von Markus Weckesser erweisen sich als genialer Wurf: Die Kostüme versuchen die Authentizität eines europäischen romantischen Realismus im Sinne von Manzonis I promessi sposi zu transportieren, aber das Bühnenbild mit der aufgehenden südländischen Sonne über mährischen Getreidefeldern kommuniziert dem Publikum Weite mit einer Tiefendimension bis zum Horizont.

Julian Freibott verkörpert den schüchternen zweiten Sohn der Familie Micha schauspielerisch wie sängerisch in origineller Weise (Lutz Edelhoff, Theater Erfurt).

Julian Freibott verkörpert den schüchternen zweiten Sohn der Familie Micha schauspielerisch wie sängerisch in origineller Weise (links: Margrethe Fredheim als Marie; Lutz Edelhoff, Theater Erfurt).

Denn schließlich geht es um Nähe und Ferne, Ankommen, Wiedersehen und Abschied, der durch den Halbbruder Wenzel denn auch vollzogen wird. Im Übrigen wird dieser Rolle von Julian Freibott auch in schauspielerischer Hinsicht genial entsprochen, Sprünge über Stühle und von einer Leiter wie die selbstredende Zurschaustellung der Schüchternheit in persona figurae eingeschlossen. Dem großen Opernereignis des Samstags ganz im Verständnis eines abgerundeten Gesamtkunstwerks folgte zu Recht anhaltender jubelnder Applaus.

Weitere Termine: 26.12.2016, 18 Uhr; 8.1.2017, 15 Uhr; 28.1.2017, 19.30 Uhr

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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