Jahresauftakt: "Die Neunte" am Theater Erfurt

“Göttliche Eingebung” oder Endmarke symphonischer Möglichkeiten?

Mit Ludwig van Beethovens 9. Symphonie, stellte Robert Schumann in seiner Besprechung von Berlioz’ Symphonie fantastique fest, seien “Maß und Ziel” der Gattung “erschöpft”. Die vorläufige Kapitulation machte scheinbar nur noch exzentrische Gegenentwürfe möglich oder epigonale Imitation des Vorhandenen. Solche Annahmen wurden verstärkt durch die Tendenz zur Vereinnahmung durch den sich entpuppenden Gesamtstaat Deutschland, wo man mit den Beethoven-Symphonien eine kulturelle Identifikation anstrebte, um, landläufig gesprochen, mit Englands Leistung als Seefahrernation und Frankreich als Land der radikalen bürgerlichen Revolution mithalten zu können.

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Auf einen Blick in den Abdruck von Beethovens 9. Symphonie in der Neuen Zeitschrift für Musik am 17. Juli 1838 (S. 21, Band 9; Hermann Hirschbach, user:Rosenkohl, p.d.)

Auf einen Blick in den Abdruck von Beethovens 9. Symphonie in der Neuen Zeitschrift für Musik am 17. Juli 1838 (S. 21, Band 9; Hermann Hirschbach, user:Rosenkohl, p.d.)

Dabei wird aber leicht übersehen, dass die satztechnische Sperrigkeit “der” Neunten Symphonie, die sie den Zeitgenossen als ultramodern erschienen ließ, maßgeblich für die Sicht auf das Ende des Horizonts verantwortlich war – und nicht die Tatsache, dass Beethoven damit einen auch altersmäßigen Gipfel erreicht hätte, über den niemand mehr hinausgelangen konnte.

Joana Mallwitz, Dirigentin und Generalmusikdirektorin am Theater Erfurt, mit ihrem Spitzenorchester (Theater Erfurt).

Joana Mallwitz, Dirigentin und Generalmusikdirektorin am Theater Erfurt, mit ihrem Spitzenorchester (Theater Erfurt).

In ihrer Einleitung coram publico wies die Dirigentin des Neujahrsabends, Joana Mallwitz, auf eben diese im Werk allein begründete Ausnahme- oder Enderscheinung hin. Solchermaßen handelt es sich auch nicht um einen ästhetischen Höhepunkt, sondern um eine mit Überraschungseffekten aufwartende, teils befremdliche, kaum als Ganzes zu überschauende und zu verstehende Komposition. Die Klippen, bestehend vor allem aus eingeschobenen Rhythmusänderungen und in ungewöhnlichen Einsätzen bei einzelnen solistischen Stimmen wie Instrumentengruppen, wurden vom technisch äußerst versierten Philharmonischen Orchester Erfurt nahezu hunderprozentig umschifft oder im Angriff genommen. Diffizil ist dies, da auch bei einer noch so analytischen Interpretation die kaum logisch nachvollziehbare Struktur zerfallen kann, was besonders im ersten und zweiten Satz keine geringe Gefahrdarstellt.

In diesem Haus in Baden bei Wien schrieb Beethoven den Schlusssatz als Musik gewordene humanistisch gestimmte 'Ode an die Freude' (Georges Jansoone, 21.6.2006, GNU Free Doc. Lic.).

In diesem Haus in Baden bei Wien schrieb Beethoven den Schlusssatz als Musik gewordene humanistisch gestimmte ‘Ode an die Freude’ (Georges Jansoone, 21.6.2006, GNU Free Doc. Lic.).

Auch wenn bei jeglicher Gelegenheit der Umstand wiederholt wird, dass Beethoven bei der Uraufführung 1824 nahezu ertaubt war, so handelt es sich doch um einen wichtigen Anhaltspunkt: Die Symphonie ist in den Teilen vor dem Vokaleinsatz deshalb so vielschichtig und schwer einzuprägen, weil die Füllung der Partitur vom Komponisten nur mehr mit dem “inneren Ohr” vollzogen werden konnte, denn selbst am Klavier sitzend hätte er nicht mehr durchgängig laut genug spielen können, um sich selbst zu hören. Demnach enthält der Satzstruktur auch das Moment des Theoretischen, vielleicht inkonsequent Durchgeführten, wenn man von den Chor- und Sängersolistenpassagen mit der Steigerung im Finale absieht. Da Joana Mallwitz bei den Tempi nicht anzog, sondern im Maß blieb, konnte das saal- und rängefüllende Publikum den einleitenden Hinweis sehr gut nachvollziehen.

Ludwig van Beethoven in "Stürmer-und-Dränger-" Pose auf einem etwas weniger bekannten Gemälde ( Jan Arkesteijn, UT Library, www.wikipedia.nl, p.d.)

Ludwig van Beethoven in “Stürmer-und-Dränger-” Pose auf einem etwas weniger bekannten Gemälde ( Jan Arkesteijn, UT Library, www.wikipedia.nl, p.d.)

Als Vokalsolisten waren die herausragenden Stimmen des Erfurter Opernensembles angetreten: Hier sei insbesondere der Tenor Thomas Pauls hervorgehoben, der das Volumen der drei anderen Solisten mit gleichmäßig gehobener Stimmstärke auszugleichen wusste und an entscheidender Textstelle der Ode an die Freude auf einmal heraustrat. Bei einem inhaltlich und metaphorisch so komplexen Gedicht kommt es in beinahe jeder Zeile auf die sinngemäße Deklamation an, die sich auch keineswegs von selbst erschließt, sondern herausgearbeitet werden muss.

Die Streicher des Philharmonischen Orchesters zeigten sich auch am Neujahrstag von ihrer besten Seite (Theater Erfurt).

Die Streicher des Philharmonischen Orchesters zeigten sich auch am Neujahrstag von ihrer besten Seite (Theater Erfurt).

 

 

 

Die gesamte Besetzung des Konzerts, zudem bestehend aus dem wohlklingenden Mezzosopran Katja Bildts, dem hellen und sehr dynamischen Sopran Margrethe Fredheims und dem beinahe herrisch wirkenden Bariton Juri Batukovs, erfüllte genau diese Anforderung, zudem sorgte der 130 Personen starke Chor, bestehend aus der bereits 1877 begründeten ehrwürdigen Augustiner-Kantorei von Dietrich Ehrenwerth, dem Domchor unter Federführung von Ekkehard Fellner und dem Philharmonischen Chor Andreas Ketelhuts, für lang nicht endenwollenden Jubel. Eine am gestrigen Sonntagabend spürbare “göttliche Eingebung” Beethovens war es jedenfalls, den hymnischen vierten Satz auf jener Ode Schillers aufzubauen.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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