Zur kulturellen Semantik von Übergangszonen

Zwischen Tür und Angel

Harfenspieler im Durchgang zur U-Bahn (Pedro Varela, 9.11.2004, CC-Liz.)

Harfenspieler im Durchgang zur U-Bahn (Pedro Varela, 9.11.2004, CC-Liz.)

Die Konstituierung und Dekonstruktion von Kultur, wie sie Ulf Hannerz für Menschen in Netzwerken festgehalten hat, hat in einem solchen Raum keine Chance, da ein Netzwerk zwischen den einzelnen Pendlern nicht existiert und in der Regel, wenn nicht soziale Hintergründe dies mehr oder weniger erzwingen, gar nicht auszubilden gesucht wird. „Schlüsselperson“ im Raum der dauernden Bewegungsströme ist demnach, um beim Beispiel des Verkehrsknotenpunkts zu bleiben, der dort beruflich „sesshafte“ Händler, das Sicherheitspersonal oder der Schaffner. Über diese Aktanten vermittelt sich Beziehung, sie besitzen damit eine nicht zu leugnende Macht in der sozialen Hierarchie des analysierten Raums, da sie ihren Kunden oder Klienten Kontakt anbieten: Der Konditor-Bäcker verkauft zur Befriedigung eines elementaren, zum Teil aber auch kompensatorischen oder luxusorientierten Bedürfnisses seine Backwaren; zu ihm wird Beziehung hergestellt, um die er sich in der konkreten Situation nicht aus eigenem Antrieb bemühen muss. Als Vermittler agieren etwa Polizisten, Sicherheitsdienste und Bahnangestellte, da sie auch aktiv eingreifen müssen und den Reisenden Hilfen zur räumlichen Orientierung und zu ihrer Sicherheit anbieten.

Ein überschaubares soziales Netzwerk besteht hier durchaus, doch verhindert offenbar die Mobilität seiner Nutzer die Herausbildung einer Kultur, an der diese kreativ partizipieren könnten. Ein nach dem Weg Fragender verschafft sich zwar aktiv und aus eigenem Willen Auskunft, aber ein Passant wird nicht zum persönlich Gebenden, allenfalls im Sinne einer Gabe an Bedürftige wie Bettler, im anonymen Sinne einer Geldleistung an eine Händlerin bzw. einen Händler in Kiosk, Buchhandlung oder Bäckerei oder wenn er mehr oder weniger zufällig auf Bekannte trifft. In einer solchen Konstellation ist es dem durchreisenden Individuum also weitestgehend versagt, seine Umgebung eigenschöpferisch zu beeinflussen. Gerade daraus resultiert der Eindruck von Anonymität, der sich auf die individuelle Befindlichkeit - vor allem derer, die alleine unterwegs sind - störend auswirken kann. Öffentlich ausgeübte Musik und der Tanz stellen hier eine Ausnahme dar, da sie animieren können, man denke nur an die allmählich in die Jahre (ihres Trends) kommenden Rap- bzw. HipHop-Gangs, die so – manchmal fast automatisch – neue Mitglieder rekrutieren.

Die Art der Transaktionen bleibt bei primärer Betrachtung an Orten wie Umsteigebahnhöfen auf Warenhandel und Dienstleistungen beschränkt. Der Güterkauf spielt sich zu etwa 80% im Bereich des Lebensmittelbedarfs ab, wobei es sich, um dies zu präzisieren, entgegen dem äußeren Anschein selten um die notwendige Stillung eines Bedürfnisses handelt, sondern überwiegend um sekundären Freizeitkonsum. Bei anderen Waren wie IPhones, MP3-Playern, Büchern, Zeitungen, Spielzeug, Kleidung etc. handelt es sich in noch weitaus geringerem Maße um lebensnotwendigen Proviant. Konrad Köstlin postulierte an der Schwelle zum 21. Jahrhundert, es solle als normal angesehen werden, „daß Individualität aus dem Fundus der Massenkulturwaren zu erarbeiten ist, dann läßt sich auch mit Volks- und Regionalkultur umgehen, die in diesem Balanceakt eine Chance haben … .“ Er verwies auf den Zwang der Moderne, die Vielfalt in der Öffentlichkeit zu vereinheitlichen, „den der Staat immer mehr an die Mechanismen des Marktes delegiert … .“ Er produziere den Bedarf nach einer „ausdrücklichen Vielfalt, die erst durch ihre Ausdrücklichkeit als solche angesehen wird …“; das Individuum suche seinen Ort zwischen der „Einheit der Weltprozesse und der Vielfalt der Identitätsentwürfe …“.

Luis Soto spielt auf dem Zócalo, einem der belebtesten Plätze und Durchgangsorte Mexiko-Citys (LeoZocalo, 28.4.2006, GNU Free Doc. Lic.).

Luis Soto spielt auf dem Zócalo, einem der belebtesten Plätze und Durchgangsorte Mexiko-Citys (LeoZocalo, 28.4.2006, GNU Free Doc. Lic.).

Eine solche an der Individualität des Einzelnen orientierte Interpretation verkennt aber den kommunikativen bzw. sozialen Akt: Güter werden an Reiseübergängen ja zu einem guten Teil als Gratifikationen, Geschenke oder sogar zur Versorgung anderer erworben, auf deren Aufsuchen sich das Ziel der Reise selbst richtet. Durchaus altruistisch kann ebenso das unterhaltende Spiel eines Saxophonisten an der Rolltreppe zur S-Bahn gemeint sein. Solche Feststellungen relativieren den Ort als bloßen Warenumschlagsplatz und lassen ihn vielmehr als  Bewegungsraum vorbereiteter oder gelegentlich auch spontaner Interaktionen erscheinen, wenn es sich bei den Reisezielen nicht ausschließlich um Urlaubsorte handelt.

Der Austausch zwischen den Arbeitspendlern selbst lässt sich – wie allgemein im urbanen Raum – mehr an Äußerlichkeiten festmachen wie am Lebensstil, womit hier eher an Bourdieus Theorie Anschluss zu finden ist. Er manifestiert sich in Kleidung, Auswahl der unterwegs zu erwerbenden Güter wie Gebäck, Getränke und in abnehmendem Maße Rauchwaren, in beruflicher bzw. sozialer Selbstrepräsentation, die im Tragen eines Koffers oder einer Tasche, eines Musikinstruments oder eines Kopfhörers, dieser oder jener Zeitung zum Ausdruck kommt. Doch spielt sich die visuelle Kommunikation hier mehr auf der Ebene typisierter Muster ab, die Flüchtigkeit der Situation erlaubt kaum die Wahrnehmung persönlicher Merkmale.

Was aber, wenn nicht die Interaktion, bedeutet dann der Durchgangsraum für den Einzelnen? Hier konnte beobachtet werden, dass “Hotspots” zum Verweilen aufgesucht werden, um der Einförmigkeit der Tag für Tag gleichen Umsteigesituation für Minuten zu entkommen. Möglicherweise ist auch die bis zur Hektik getriebene Eile in der Fortbewegung dafür verantwortlich, dass das Bedürfnis nach einem Fixpunkt entsteht. Je länger jemand an den gleichen Tagesrhythmus gewöhnt wird, desto anfälliger ist er dafür, die Abläufe zwischenzeitlich zu variieren, noch mehr aber, der identischen Wiederholung zu entgehen: Wer einen Becher Kaffee nicht mitnimmt, sondern aus der Tasse in der Bäckerei trinkt, gehört zu diesen Alltagsflüchtigen. Die anderen, die sich an Lebensmitteln nur zum Zweck der Mitnahme bedienen, unterstützen damit im Gegensatz nur die Dringlichkeit, “in time” an ihren Arbeitsplatz zu kommen und nehmen in der Übergangszone, die sie punktuell allein zum Zweck der Selbstversorgung bzw. Ermöglichung ihrer Mobilität nutzen, so wenig wie möglich aktiv wahr.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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