Zur kulturellen Semantik von Übergangszonen

Zwischen Tür und Angel

Orchesterkonzert in unmittelbarer Nähe zur Pariser Metro: Wie viele Berufspendler haben die Muße, um stehenzubleiben und zuzuhören? (LWY, 27.2.2009, CC-Liz.)

Orchesterkonzert in unmittelbarer Nähe zur Pariser Metro: Wie viele Berufspendler haben die Muße, um stehenzubleiben und zuzuhören? (LWY, 27.2.2009, CC-Liz.)

Daran knüpft sich unmittelbar die Frage, was wir als Passanten von einem Durchgangsort über das „Notwendige“ hinaus eigentlich erwarten. Ruhe zur Entspannung selten und Behaglichkeit oder Gemütlichkeit keinesfalls, denn letztere setzen die Separation der öffentlichen von der privaten Sphäre voraus. In einem Bahnhofsgelände wird niemand hoffen, einen gemütlichen Platz zu finden, es sei denn in einem Restaurant oder einer Brasserie, wo die Möglichkeit bestünde, sich hinzusetzen, möglicherweise sogar in die Sofanische einer Café-Lounge …

Bei der bisherigen Betrachtung wurde von der Vorstellung eines durch seinen Transitionscharakter weitgehend technisierten und funktionalisierten Orts ausgegangen. Die kulturgeschichtliche Einordnung zeigt, dass es sich dabei um ein idealisiertes raumarchitektonisches Konstrukt im Zeitalter der Industrialisierung handelt. In der Realität verfügen jedoch solche Plätze, gerade im Fall europäischer Städte, über eine lange, komplexe Geschichte. Erinnerungen von Personen, die sich hier bewegen, aber auch die auf dem Gedächtnis basierenden Maßnahmen der urbanen Bauplanung, verleihen, wie Beate Binder am Schlossplatz in Berlin als besonders signifikantem Beispiel gezeigt hat, ihnen erst eine Identität. Diese gestaltet sich aus verschiedenen Perspektiven indes sehr unterschiedlich, wodurch die kollektiv, etwa durch Soziologen, Raumplaner und Politiker wahrgenommene Eigenheit eines solchen Ortes brüchig wird, da sie sich von heute auf morgen bereits signifikant verändern könnte. Im Falle von regelrechten „Gedächtnisorten“ wie dem genannten Schlossplatz liegt natürlich der „prozessuale Charakter von Erinnerung“ auf der Hand.

Um so wichtiger scheint es also bei einem weitestgehend funktional ausgelegten Raum wie einem modernen Umsteigebahnhof ohne Demonstration der Vergangenheit mittels Denkmalen, Bauresten oder bestimmten, auf Effekt berechneten artifiziellen Anspielungen festzustellen, wie dieser von den sich auf seinem Terrain bewegenden Personen symbolisch besetzt wird. Überwiegt etwa, wenn Geschäfte täglichen Bedarfs dort existieren, die öffentliche Sinngebung als Rastplatz oder gar Vergnügungsviertel, oder handelt es sich eher um ein respektvoll zurückhaltendes Verhältnis für den Fall, dass den meisten der Durcheilenden seine historische Dimension bewusst ist? Soll der städtische Raum mit Hilfe von Geschichte, die sich in bestimmten Objekten konkretisieren soll, seine Identität erhalten, werden die Raumnutzungsbedürfnisse der unterschiedlichen sozialen Gruppen kaum berücksichtigt, auf völlig neu angelegten Plätzen hingegen scheinen diese jedoch zusammen mit anderen Überlegungen zu dominieren: Menschenströme sind zu kanalisieren, andererseits soll der einzelne  Nutzer möglichst unkompliziert und rasch zu seinem Verkehrsmittel gelangen.

Die Manipulation der Bewegung der unpersönlichen „Masse“ und die geradezu diametral entgegengesetzte Motivation, es dem Individuum so bequem wie möglich zu machen, ergänzen sich in der zeitgemäßen Verkehrsplanung idealerweise. Die staatliche Manipulation im Sinne von „politische[n] Strategien“ kann so weit gehen, dass „die an Raum gebundenen Identitätskonzepte vor allem dazu“ dienen, „Gruppen zu konstituieren und Mehrheiten im politischen Prozess zur Darstellung zu bringen.“ Denkbarer Kritik an einer solchen Lenkung des Menschen als Kommerzobjekt im Raum kann so begegnet werden, die Unwägbarkeit des Verhaltens einer „Masse“ wird nahezu ausgeschaltet.

Nach der Freigabe im November 2016: die Elbphilharmonie als neues, weithin sichtbares Wahrzeichen Hamburgs (Pauli-Pirat, CC-Liz.)

Nach der Freigabe im November 2016: die Elbphilharmonie als neues, weithin sichtbares Wahrzeichen Hamburgs (Pauli-Pirat, CC-Liz.)

Gerade das Beispiel des Berliner Schlossplatzes zeigte demgegenüber, wie sensibel die Öffentlichkeit auf bestimmte bauliche Symbole reagierte: Der Protest konnte bis zur Forderung des Abrisses eines Gebäudes reichen. Bei der Hamburger Elbphilharmonie verhielt es sich ganz anders: Trotz der Skepsis angesichts der astronomisch hohen Abschlusskosten, gegen deren Äußerungen die (hanseatische) Politik ihr Plazet gab, weil der Stolz, ein neues und so perfekt gestaltetes Wahrzeichen zu bekommen, über die Bedenken siegte, fand sie als Ort der meist gehobenen Hörkultur bei der Mehrheit der Bürger letztlich eine im wahrsten Sinne des Wortes positive “Resonanz”, mindestens aber Akzeptanz.

Literatur

Beate Binder: Raum – Erinnerung – Identität. Zur Konstruktion von Gedächtnis- und Handlungsräumen im Prozess der Hauptstadtwerdung Berlins. In: Silke Göttsch, Christel Köhle-Hezinger (Hgg.), Komplexe Welt. Kulturelle Ordnungssysteme als Orientierung. Münster 2003. S. 257 - 266.

Ulf Hannerz: Cultural Complexity. New York 1992. S. 49 - 63.

Institut für Raumplanung der Universität Dortmund (Hg.): Öffentlicher Personennahverkehr im ländlichen Raum. Zukunftsperspektiven für den ÖPNV zwischen Güstrow, Waren und Parchim. (= Dortmunder Beiträge zur Raumplanung P/18) Dortmund 1998.

Konrad Köstlin: An der Schwelle zum nächsten Jahrhundert: Die notwendige Erfindung der Gegenwart. In: Kulturwissenschaft und Öffentlichkeit. Amerikanische und deutschsprachige Volkskunde im Dialog. Herausgegeben von Regina Bendix und Gisela Welz. Frankfurt am Main 2002. S. 299 – 313.

Carola Lipp: Struktur, Interaktion, räumliche Muster. Netzwerkanalyse als analytische Methode und Darstellungsmittel sozialer Komplexität. In: Silke Göttsch, Christel Köhle-Hezinger (Hgg.), Komplexe Welt. Kulturelle Ordnungssysteme als Orientierung. Münster 2003. S. 49 – 63.

Brigitta Schmidt-Lauber: Orte der Gemütlichkeit. In: Silke Göttsch, Christel Köhle-Hezinger (Hgg.), Komplexe Welt. Kulturelle Ordnungssysteme als Orientierung. Münster 2003. S. 131. Die Autorin zitiert hier Elisabeth Katschnig-Fasch: Städtische Wohn- und Lebensstile. Wien, Köln, Weimar 1998. S. 125 – 131.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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