Zwei Komponistengenerationen im europäischen Maßstab

Kopenhagen: Frühes Zentrum musikalischer Professionalität

Søren Terkelsen verwendete die dänische Übersetzung von 20 Liedern Voigtländers in seinem Astree Siunge-Choer (Glückstadt 1648 u.f.). Der dänische Dichter Thomas Kingo verarbeitete Lieder von Voigtländer und Terkelsen in seinem Aendelige Siung-Koor (1674). In einer modernen Ausgabe erschienen beide Werke 1988 in Kopenhagen (Viser fra Voigtländers og Terkelsens samlinger). Ein Lied mit Voigtländers Signatur tauchte übrigens in dem Ballett Triumphus rationis auf, das am 4. August 1640 in Anwesenheit des Kronprinzen aufgeführt wurde. Es beweist Voigtländers Vielseitigkeit im kulturellen Leben seiner Zeit.

Nachdem der Organist Matthias Weckmann (1621 – 1674) 1641-42 dank seiner Aufnahme durch Heinrich Schütz am kurprinzlichen Hof in Dresden als Organist gewirkt hatte, blieb er auf erneute Veranlassung seines Fürsten von 1643 bis 1647 in derselben Funktion am Hof des dänischen Kronprinzen auf Schloss Nykøping bei Kopenhagen. Vor allem hier lernte er durch englische Instrumentalvirtuosen die Tradition der Gambisten, Lautenisten und Virginalisten kennen. Dieser Einfluss mag erklären, warum seine Werke am mährischen Hof von Kromeritz für abstrakter und weniger italienisch-gesanglich als diejenigen seiner Konkurrenten gehalten wurden. 1655 wurde Weckmann zum Organisten an die Hauptkirche St. Jacobi in Hamburg berufen. Zahlreiche handschriftliche Kopiefertigungen, unter anderem 16 Stücke aus Monteverdis Selva morale, zeugen für seine dauernde Auseinandersetzung mit neueren Entwicklungen in ganz Europa.

Wachsbüste des dänischen Monarchen Frederik III., für den Kaspar Förster arbeitete, in Schloss Rosenborg (Orf3us, GNU Free Doc. Lic.).

Wachsbüste des dänischen Monarchen Frederik III., für den Kaspar Förster arbeitete, in Schloss Rosenborg (Orf3us, GNU Free Doc. Lic.).

Kaspar Förster d. J. (1616 – 1673) wuchs innerhalb der katholischen Minderheit in das Musikleben seiner Heimatstadt Danzig hinein. Als Gesangsvirtuose wurde er an den Königshof Wladislaws IV. berufen und durch den sechzehn Jahre älteren Marco Scacchi in Kompositionslehre ausgebildet. Früh, nämlich 1633, ging er nach Rom, um am Collegium Germanicum, aller Wahrscheinlichkeit nach bei Giacomo Carissimi, weiterzustudieren. Nachdem er im Anschluss an seine Hochzeit 1638 einige Jahre in Warschau verbracht hatte, wurde er 1652 als königlicher Kapellmeister nach Kopenhagen an den Hof Friedrichs III. berufen, wo er sich bis 1655 aufhielt, um die höfische Musikpflege zu reorganisieren. Er verpflichtete deutsche und italienische Sänger nach Kopenhagen. Er scheint, wie eine Quelle indirekt bezeugt, bei den hohen Stimmen den Kastraten den Vorzug vor den weiblichen Sängern gegeben zu haben. Doch musste er dem Druck der frankophilen Königin Sofia Amalia nachgeben und eine französische Sopranistin akzeptieren. Während der drei dänischen Jahre verfasste er sowohl geistliche als auch weltliche Werke, darunter Opernballette und Kammermusik. Währenddessen versuchte der Danziger Magistrat vergeblich, ihn als Kapellmeister an die dortige Marienkirche zu berufen.

Eine zweite Amtszeit in Kopenhagen von 1661 bis 1667 ermöglichte Förster unter anderem auch die Aufführung seines Opernballetts Der lobwürdige Cadmus (1663), bei dem er vermutlich auch die Titelpartie sang. Hier entstand auch der überwiegende Teil seiner Kammermusik für die „Violon-Banden“ des Königs. Im Laufe der zweiten Kopenhagener Jahre reiste er mit Joseph nach Hamburg, um mit diesem ein lateinisches Stück aufzuführen, wobei der norddeutsche Komponist Christoph Bernhard die Tenorpartie übernahm. Förster schickte seine kammermusikalischen Werke nach Hamburg, weil er sich von dort eine günstigere Aufnahme erhoffte als vom dänischen Hof. Nach 1657 hielt er sich wieder in Italien auf, ein Besuch bei Bernhard in Hamburg 1667 ist belegt. Roland Wilson glaubt, man habe es mit der Bezahlung der Musiker in Dänemark nicht so wichtig genommen: Eineinhalb Jahre scheint Förster überhaupt keinen Sold bezogen zu haben, was ihn letztlich veranlasst haben mag, sich mit einem endlich ausgezahlten Teilbetrag 1667 nach Dresden abzusetzen, wohin er dem bereits abgereisten Joseph folgte.

Dänische barocke Wasserkunst im Schlossgarten von Clausholm bei Randers (Nico, 11.8.2004, GNU Free Doc. Lic.)

Dänische barocke Wasserkunst im Schlossgarten von Clausholm bei Randers (Nico, 11.8.2004, GNU Free Doc. Lic.)

Während der Danziger Jahre von 1655 bis 1657 sorgte er für das Aufblühen des dortigen Musiklebens, was ihm den Beinamen „Zierde der dantziger Musik“ einbrachte. Besonders wird auf Försters ausgeprägte Singstimme hingewiesen: Mattheson erwähnt sie als „milde[n], angenehme[n] Sub-Baß“ im Saal, während sie außen „als eine Posaune“ zu hören gewesen sei. In den letzten Jahren seines Lebens wohnte Förster in der Nähe des Zisterzienserklosters Oliva bei Danzig. Im Rahmen der Musikgeschichtsschreibung sah man ihn einerseits als Vermittler der Werke Carissimis und Monteverdis nach Deutschland, andererseits wurde er klassisches Vorbild für den Sonatenstil Buxtehudes in Norddeutschland. Seine musikalische Schreibart hing von den institutionellen Voraussetzungen der Stätten ab, an denen er jeweils wirkte. Somit lässt sie sich nicht als Ausprägung einer Vor- oder Übergangszeit verstehen.

Gewisse französische Stilelemente, wie sie in der spezifischen Übernahme der Ouvertüre hervortreten, sind möglicherweise auch auf das zunehmend nach französischem Hofzeremoniell ausgerichtete Musikleben Friedrichs III. in Kopenhagen zurückzuführen. Förster wird auch als Wegbereiter der protestantischen Kirchenkantate genannt, da in seinen Vokalkompositionen, Psalmkonzerten und Oratorien, häufig der Dialogstil zur Anwendung kommt. Die Sonaten zeigen eine Affinität zu dem von Diderik Buxtehude gepflegten stylus phantasticus, wie ihn Mattheson gerade am Beispiel Försters beschrieben hat. Die Psalmkonzerte stellen nach Berthold Warneckes Ansicht lediglich Varianten der musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten im Sinne des stylus luxurians dar.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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