Edirom - eine "Zauberformel" für Analyse und Praxis?

Mehr Objektivität dank Digitalität

Einmal eröffnet natürlich das Internet durch Suchen in Datenbanken streambarer Audio-Files Dirigenten, Musikforschenden und -journalisten in Zukunft unschätzbare Arbeitserleichterungen, denn vergleichende Vorgehensweisen werden bequem am Schreibtisch oder in mobilen Situationen möglich sein, ohne dass für eine grundlegende Analyse noch die physisch existente Mediathek bemüht werden müsste. Zum zweiten schaffen “künstlich-intelligent” programmierte Maschinen die Aufbereitung und eine objektivere Positionierung des musikalischen Werks in seinem synchronen wie diachronen Kontext, da das Notenmaterial nach objektiven Kriterien ohne subjektive Wertungen durchsucht wird und Relationen exakt in Sekundenschnelle ermittelt und beschrieben werden können.

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Welche Möglichkeiten eröffnen sich der Musikforschung und der Klanggenerierung im digitalen Zeitalter? Diesen Fragen stellte sich 2013 auch ein russischer Kongress (Lightfairy, 9.9.2013, OTRS, CC-Liz.).

Welche Möglichkeiten eröffnen sich der Musikforschung und der Klanggenerierung im digitalen Zeitalter? Diesen Fragen stellte sich 2013 auch ein russischer Kongress (Lightfairy, 9.9.2013, OTRS, CC-Liz.).

Die zum Datensammeln – unter vorgefertigten Kriterien – ermöglichte Vorurteilsfreiheit der Maschine, der man auch eine Abarbeitungshierarchie implantieren kann, stößt an ihre Grenzen, wo es um empathische Assoziationen geht, zu denen bis auf weiteres nur das biologische Gehirn in Verbindung mit “Herz und Hand” und anderen Formen der Wirklichkeitserfahrung in der Lage ist. Das bedeutet im Gegenzug noch nicht, dass nur eine maschinelle Analyse zuverlässig logisch operiert, denn diese Fähigkeit hängt vom einzelnen ab, der sich eine wissenschaftliche oder auch künstlerische Aufgabe stellt.

Patternorientierte Programme zum Zweck des Komponierens gibt es bereits seit 1994; sie wurden zunächst mit MIDI-Instrumenten oder der Soundkarte des Computers verwendet. Sie boten in der populäre Musik bestimmte rhythmische Floskeln vor, die miteinander kombiniert werden konnten. Demgegenüber ist die elektroakustische bzw. digitale Klangerzeugung wesentlich älteren Datums. Die Theorie hinkte allerdings etwas hinterher: Erst Forscher wie Guerino Mazzola lieferten die Voraussetzungen für Produktion und Konservierung von Tönen durch die Musikinformatik. Hingegen befinden sich elektronische Sichtung und Analyse von Partiturmaterial noch überwiegend in den Anfängen.

Zur reinen Datenerfassung unterscheiden die AutorInnen des Göttinger DARIAH-Projekts zur Feststellung eines Status Quo in den Digital Humanities zwischen einer graphisch-logischen Ebene, zu der Erfassungswerkzeuge für eine Notation und Editoren gehören. Einen Schritt weiter geht die Kollationierung von Daten, wie sie durch die Edirom im (notations)graphischen Bereich, SVG beim Rendern von Musikcodierungen und durch Audio-Text-Alignment geleistet werden. An diesem Punkt wird es spannend, weil nunmehr Fragen an das Material gestellt werden können. MIREX heißt die “Zauberformel” zur Datenauswertung: Mit “Music Information Retrieval Evaluation Exchange” ist es nämlich möglich, Takt(arten) “automatisch” erkennen zu lassen, die Suche nach Melodien bzw. ihren “Chunks” durchzuführen oder in Sekundenschnelle Ähnlichkeitsrecherchen durchzuführen.

Einen probaten Überblick zur Lage der Digital Humanities auch in der Musikwissenschaft bietet dieser aktuelle Band aus dem Metzler Verlag (ISBN 13: 978-3476026224).

Einen probaten Überblick zur Lage der Digital Humanities auch in der Musikwissenschaft bietet dieser aktuelle Band aus dem Metzler Verlag (ISBN 13: 978-3476026224, 2.2.2017).

Die Editionssoftware Edirom erlaubt auch eine Variantenermittlung inklusive Dokumentation und Informationen unter verschiedenen Parametern miteinander zu verknüpfen. Nicht wenig wäre ja gewonnen, wenn man zur Grundlage einer Interpretation die tatsächlichen Distanzen zwischen Themenwiederholungen und bisher verborgen gebliebene Zahlenrelationen in komplexen Partituren aufdecken könnte. Hier ließe sich interessanterweise auch feststellen, wo “gegen” die Logik der Faktur Abschnitte verlängert oder harmonische Wechsel hinausgezögert wurden. An die zu Tage geförderten Ergebnisse einer solchen exakt-empirischen Analyse, etwa bislang nicht wahrgenommene feine Abweichungen von einer Norm, schließen sich dann wieder neue Fragen an …

Was den praktischen Gebrauch betrifft, so ermöglicht Edirom die Ausfertigung verschiedener Aufführungsformate für Musiker und Dirigenten: Chorpartituren, Klavierauszüge und Stimmauszüge lassen sich damit rasch und unkompliziert generieren. Dies spielt nicht nur eine Rolle, wenn etwa jemand von außerhalb plötzlich für einen verhinderten Orchestermusiker einspringen soll oder dem Ensembleleiter die papierene Partitur verlorenging …

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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