Trondheim, um 1750

Seltene Pflanze in rauhem Nordland

Langsam dürfte es sich dank einer Ranking-Studie des britischen Economist herumgesprochen haben, dass Norwegen bereits seit Jahren als das demokratischste Land weltweit gelten darf. Dies war freilich zu Zeiten der dänischen Vorherrschaft noch deutlich anders, auch im kulturellen Bereich. Denn außer den Personen, die ohnehin in Beziehung zur Kirche, zum Hof in Kopenhagen, später auch in Christiania oder zu städtischen Obrigkeiten standen, hatten Musiker kaum eine Hoffnung auf eine Anstellung und meist noch weniger, sich auch als Komponisten Gehör zu verschaffen. Eine Ausnahme stellte in der frühen Aufklärungsperiode neben dem Hofviolinisten Johan Henrik Freithoff (1713 – 1767) der aus deutschsprachigen Landen stammende Johan Daniel Berlin (1714 – 1787) dar.

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Eine fünfstimmige Sinfonia von Johan Daniel Berlin spielte das Ensemble Charivari Agréable ein (Signum 2011).

Eine fünfstimmige Sinfonia von Johan Daniel Berlin spielte das Ensemble Charivari Agréable mit Kah-Ming Ng ein (B004OSYQHC, Signum Classics 2011).

Seit der Barockzeit entwickelte sich eine öffentliche Musikkultur nur langsam. In Bergen und Trondheim entstanden aber in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die ersten Musikgesellschaften. Der Einfluss der keineswegs anspruchslosen folkloristischen Musik spielte dabei durchgängig eine ungleich größere Rolle, wobei nur am Rande an die Hardanger-Fiddle zu denken ist. Wie dem auch sei: Im Bereich der Kunstmusik gab es für Musiker, die eine Chance hatten sich zu etablieren, gewaltig viel zu tun. Davon zeugt auch Johan Daniel Berlins Lebensgeschichte.

 

Am Nidaros-Dom von Trondheim wirkte J.D. Berlin als Organist (Morten Dreier, Januar 2006, CC-Liz.).

Am Nidaros-Dom von Trondheim wirkte J.D. Berlin als Organist (Morten Dreier, Januar 2006, CC-Liz.).

Der spätere Lehrling des Stadtmusikanten Andreas Berg in Kopenhagen kam ursprünglich aus dem litauischen Memel, dem heutigen Klaípeda, wurde im Orgelspiel zunächst von seinem Vater Heinrich Berlin unterwiesen und wurde schließlich Stadtmusikant in Trondheim, was eine Menge verpflichtender, aber auch freiwilliger Tätigkeiten miteinschloss, die, im Unterschied zum ersten norwegischen umfassenden Musiklehrbuch aus seiner Hand, nicht unbedingt an seine erlernte Profession denken lassen. So wirkte der engagierte da Vinci des Nordens zwar hauptamtlich als Domorganist, war aber auch Landkartenzeichner und Feuerwehrchef. Als Erfinder des Gambenklaviers und Bastler eines Monochords erwarb er sich zudem “vaterländische” Lorbeeren um Fortschritte im Bau von Tasteninstrumenten.

Nicht geringe Verdienste erwarb sich Berlin als Schöpfer von Orchester- wie Kammermusik. Leider sind aber von dem wohl umfänglichen Werk nur drei Sinfonien – allesamt in D-Dur -, ein A-Dur-Violinkonzert, sechs Cembalokonzerte, sechs Menuette für Geige und Basso continuo, acht Solo-Menuette und eine Sonatine für das Cembalo, sowie eine Festkantate zur Einweihung der neuen Trondheimer Lateinschule aus dem Jahr 1787 erhalten. Übrigens trat sein Sohn Johan Henrich Berlin, der sich einen Namen als Orgelreparateur machen sollte, in seine Fußstapfen. Von ihm ist neben etlichen anderen Kompositionen der “Sattelzeit” eine bemerkenswerte Sonate in Es-Dur für Cembalo, Violine und Violoncello überliefert.

Diese Einspielung des Norwegian Baroque Orchestra enthält Werke von J.D. Berlin und seinem Sohn Johan Henrich (B019GLYQPI Simax).

Diese Einspielung des Norwegian Baroque Orchestra enthält Werke von J.D. Berlin und seinem Sohn Johan Henrich (B019GLYQPI Simax).

Das Bild von emsiger Vielseitigkeit und der Umtriebigkeit des Domorganisten J.D. Berlin rundet ein Blick auf seinen Nachlass ab: Er hinterließ neben neun Kindern, von denen drei, Andreas, Henrich und Daniel selbst Musiker wurden, eine ansehnliche Sammlung wissenschaftlicher Gerätschaften und Musikinstrumente sowie eine große Bibliothek. In Trondheim war er eine geachtete und prominente Musikerpersönlichkeit, weshalb anlässlich seines Begräbnisses eine Trauerkantate aufgeführt wurde. Der Universalität eines Genies ganz nach der Tradition des Kraftmenschen der Renaissance - jedoch in der Rokokozeit - widmete Kari Michelsen 1987 mit Johan Daniel Berlin 1714-1787: Universalgeniet i Trondheim eine umfassende Studie.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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