Ohne Missing Link

Wurde der Zink zum Horn?

Die schwierige Intonation des Zink, der seiner Gestalt nach einem Signalhorn nicht ganz unähnlich sieht, sorgte wohl dafür, dass er aus Orchestern und kleineren Formationen nach der Barockzeit weitgehend verbannt blieb. Den im 16. wie 17. Jahrhundert hochbeliebten Tenorzink oder Corno torto löste tatsächlich nach 1700 das Waldhorn ab. Dabei hatte der Zink in der Blütezeit seiner Verwendung, unter anderem auch in einer Motette von Heinrich Schütz, seinen festen Platz ausgerechnet in der – abgesehen vom “Blechmaterial” - äußerlich schwerlich verwandten Familie der Posaunen, da er dort den Diskant, also die Gegenstimme zum höher angesetzten Cantus vertrat.

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Ganz rechts auf diesem Bild eines Collegium musicum aus dem "Gymnasium illustre" Lauingen, mutmaßlich von David Prentel 1590 gemalt, ist ein Zinkbläser zu erkennen (p.d.).

Ganz rechts auf diesem Bild eines Collegium musicum aus dem “Gymnasium illustre” Lauingen, mutmaßlich von David Prentel 1590 gemalt, ist ein Zinkbläser zu erkennen (p.d.).

Da der Zink von Stadtpfeifern zum Zweck des “Abblasens” genutzt wurde, liegt die Beziehung zu anderen Signal gebenden Blasinstrumenten, unter anderem ja auch der Posaune, näher als nah. Turmbläser nutzten schon im Mittelalter eine breite Palette von Trompeteninstrumenten, unter denen die aus dem Orient stammende “Basune”, später Posaune eine tiefer gestimmte Variante bildet.

 

Statue mit einem Zink blasenden Musiker am Bremer Dom (kriddl, 2006, p.d.)

Statue mit einem Zink blasenden Musiker am Bremer Dom (kriddl, 2006, p.d.)

Insofern verwundert es nicht, dass der Zink, der auch in höherer Lage als “stiller Zink” oder Cornetto muto vorkam und von Michael Praetorius wegen seines lieblichen Klangs gerühmt wurde, gut ins Ensemble der Posaunenspielarten hineinpasste. Bleibt man in der unmittelbaren Verwandtschaft, so liegt neben der krummen oder schwarzen Version des Zink, die auch in Miniaturform genutzt wurde, als herausragender Vertreter der gleichfalls im 18. Jahrhundert dahingeschwundene und deutlich voluminösere Serpent vor, schlechterdings das Bassfundament der Familie.

Mit Posaune und Serpent: Detail aus einem Bild von Giovanni Battista Bracelli (ca. 1624, p.d.)

Mit Posaune und Serpent: Detail aus einem Bild von Giovanni Battista Bracelli (ca. 1624, p.d.)

 

 

Hört man heute jemanden den schlangenförmig gewundenen Serpent spielen, muss es sich schon um einen sehr raren Virtuosen handeln, denn ohne weiteres sind bei der diffizilen Intonation dem Instrument kaum vernünftige Töne zu entlocken. Nicht ohne Grund also werden in der Systematik von Hans Hickmann und Georg Karstadt die Hörner von den Zinken ebenso wie von den Trompetenartigen strikt getrennt. Denn die leichtere Spielbarkeit ist eines der wesentlichen Argumente für Überleben und Aufleben der Waldhörner spätestens seit dem namhaften Mannheimer Hoforchester. Darüber hinaus ist das Material natürlich im Widerspruch zu seinem Namen nunmehr ein völlig anderes: Nicht mehr Widderhörner, lederüberzogenes Holz oder Elfenbein wurden hier genutzt, sondern mur noch Metalle, Goldmessing oder Neusilber, etwas später auch Kupfer oder Silber.

Das Waldhorn ähnelt dem Zink nicht und stammt instrumentengeschichtlich auch nicht aus derselben Familie; gewissermaßen löste es aber den Zink um 1700 ab (BenP, 26.1.2006, CC-Liz., GNU Free Doc. Lic.).

Das Waldhorn, hier in seiner aktuellen Form, ähnelt dem Zink nicht und stammt instrumentengeschichtlich auch nicht aus derselben Familie; gewissermaßen löste es aber den Zink um 1700 ab (BenP, 26.1.2006, CC-Liz., GNU Free Doc. Lic.).

Selbstredend ist das Wald- oder Jagdhorn jüngeren Datums und sieht auch komplett anders aus. Es kann also beim Übergang vom Zinkeinsatz zu demjenigen des Waldhorns nur von einem ziemlich schnell vollzogenen Funktionswechsel – in der Kammer- wie Konzertmusik – gesprochen werden, der zu Beginn des 18. Jahrhunderts beinahe mit einem “Paukenschlag” eingeleitet wurde.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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