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Arbeit am Laptop – einmal anders

Zumindest im Live-Kontext dürfte diese Konstellation nicht häufig sein: das Zusammentreffen von Laptop und Symphonieorchester. Gordon Hamilton lieferte für diese Besetzung eine kurzweilige Reihung von 482 Variationen auf ein sehr kurzes Thema, nämlich einem Ausschnitt aus einem Beatles-Song. “Sehr kurz” ist hier wörtlich zu nehmen und bezieht sich auf drei ganze Töne, die vom Orchester ausgesponnen werden.

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Gordon Hamilton verknüpft gerne aktuelles elektronisches Instrumentarium auch aus populären zusammenhängen mit dem Orchesterspiel (Australian Music Centre, Foto: Miki Clarke).

Gordon Hamilton verknüpft gerne aktuelles elektronisches Instrumentarium aus verschiedenen Kontexten mit dem Orchesterspiel (Australian Music Centre, Foto: Miki Clarke).

Der an der Universität von Newcastle zu Beginn des neuen Jahrtausends bei Nigel Butterley ausgebildete Komponist machte auch sonst durch ziemlich innovative Ideen von sich reden. Etwa fünf Jahre lang war er freiberuflich innerhalb Deutschlands unterwegs und erhielt vom WDR-Rundfunkorchester einen attraktiven Auftrag, aus dem das symphonische Stück Action Hero hervorging. Hier ertönen Ausschnitte aus den Aufnahmen von Arnold Schwarzeneggers Stimme in diversen Filmen zum kontinuierlich weiterfließenden Orchesterspiel, einem Konzert mit Solostimme vergleichbar (man denke an das Violinkonzert von Philip Glass).

Noch weiter ging Gordon Hamilton mit seinem Beatbox-Konzert Thum Prints (2015) anlässlich des BBC-Proms-Festivals im vergangenen Jahr. Auch hier lag er, was die Rolle des Orchesters betrifft, leicht “neben der Spur”, vor allem deshalb natürlich, weil er als Solisten dazu den Beatbox-Star Tom Thum engagiert hatte, der deutliche “Fingerabdrücke” auf der Partitur hinterließ.  Als eines der lustigsten Musikvideos, die jemals gedreht wurden, bezeichnete der Sydney Morning Herald sein Gesamtkunstwerk Toy Story 3 = Awesome! von 2011. Für Natural Selections arbeitete Hamilton mit dem DJ Sampology zusammen und verknüpfte seine Einsätze mit dem Orchesterpart.

Ein origineller Einfall war sicherlich auch die Einbeziehung des “Dirigenten” in die Performance als Solisten: In Ghosts in the Orchestra (2014) platzierte er Chorsänger unter den Instrumentalisten und leitete sie – als Bestandteil der Partitur – mit gesungenen Anweisungen. Dieser Kniff erinnert sehr an das “Spiel im Spiel” der romantischen Komödie, in dem Kommentare das Bühnenspiel unterbrechen oder parallel zu ihm eingesetzt werden.

Hamilton experimentiert auch mit dem Laptop als Solisten (hier in anderem Zusammenhang: Miselu Neiro am Laptop Synthesizer 3 Workstation, 14.6.2012, CC-Liz.).

Hamilton experimentiert auch mit dem Laptop als Solisten (hier in anderem Zusammenhang: Miselu Neiro am Laptop Synthesizer 3 Workstation, 14.6.2012, CC-Liz.).

Angesichts derartiger Umtriebe im traditionellen klassischen Konzertbusiness ist es nicht verwunderlich, dass der hochkreative Komponist als Sound Designer für verschiedene Fälle gefragt ist – zum Beispiel anlässlich des Feuerwerk-Sounds für das Brisbane Festival – und als Produzent von Radiomusiksendungen, bei denen er mit dem London Symphony Orchestra und dem Concertgebouw Orchestra Amsterdam zusammenarbeitete. Derzeit ist er stellvertretender Chefdirigent beim Queensland Symphony Orchestra, tritt aber weiterhin auch mit dem WDR-Orchester auf.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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