Porträts brasilianischer Komponist/inn/en XXXIV

Goldwerte Antiphone

Kürzlich machte Domingos Lins Brandão darauf aufmerksam, dass in Minas Gerais seit dem 17. Jahrhundert eine Vermischung kultureller Einflüsse stattfand, beginnend mit den Motetten des Portugiesen Francisco Martins (1625 – 1680), die zu der verbreiteten archaisierenden Sammlung Motetos de Piranga hinführten. Der nicht leicht zu identifizierende Dialog zwischen europäischen und brasilianischen Modellen von Stimmführung und Harmonik scheint etwa verantwortlich gewesen zu sein für die Trennung von verbaler und musikalischer Punktierung bei Manoel Camelo und José Candido Soares.

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Manuskript der Antiphon Salve Regina von Emerico Lobo de Mesquita (1787, p.d.)

Manuskript der Antiphon Salve Regina von Emerico Lobo de Mesquita (1787, p.d.)

Plakativ anmutende Klänge ergaben sich im Barroco Mineiro des 18. Jahrhunderts aus gewissen Übertreibungen, zum Beispiel der Oktavierung von Violinen und Bässen, plötzliche chromatische Wendungen sowie durchgehaltene tonale Ambivalenzen in der kontrapunktischen Durchführung, im Gebrauch von gebrochenen Rhythmen durch Manoel Camelo und der häufigen, hergebrachten Stilprinzipien widersprechenden Benutzung paralleler Oktaven und Quinten – wie sie in der (europäischen) “Sattelzeit” in Minas Gerais die Musik von José Joaquim Emerico Lobo de Mesquita kennzeichnete.

Emerico Lobo wurde 1746 in Vila do Príncipe, dem heutigen Serro, geboren. Die freisinnige Erziehung des Jungen begünstigte das Erlernen eines Instruments, der im praktischen Gebrauch und in Ermangelung anderer Möglichkeiten an erster Stelle rangierenden Orgel, darüber hinaus aber auch von Musiktheorie. Diese vermittelte ihm der Pater und Chorleiter der nicht weit entfernten Kirche Nossa Senhora da Conceição.

Organist, Dirigent und Theoriedozent in einer Person in späteren Jahren: José Joaquim Emerico Lobo de Mesquita (1746 - 1805; p.d.)

Organist, Dirigent und Theoriedozent in einer Person in späteren Jahren: José Joaquim Emerico Lobo de Mesquita (1746 – 1805; p.d.)

Bald nach Vollendung seines dreißigsten Lebensjahrs ging Lobo de Mesquita nach Arraial do Tijuco, heute Diamantina, um den Posten eines Organisten und Dirigenten an der Kathedrale Santo Antônio anzunehmen. In Carmo, wo er später einem Orden beitrat, gründete er nach 1789 eine eigene Musikschule, arbeitete im jetzigen Ouro Preto im Auftrag des Bürgermeisters und fungierte gleichzeitig als Organist und Kapellmeister an Nossa Senhora do Pilar. Nachdem er sich aber mit seinem Brotherren entzweit hatte, zog es ihn nach Rio de Janeiro, wo er seinen Beruf bis zu seinem Tod 1805 weiter ausübte. Als Musiker eilte dem mobilen Kantor ein Ruf besonderer Virtuosität an der Orgel voraus, vor allem wegen seines improvisierenden Spiels, zudem gilt er als einer der bedeutendsten Vertreter der so genannten Komponistenschule von Minas do Ouro, der reich(st)en Goldminenregion Brasiliens.

Das Album Os Mestres Mulatos enthält neben anderer klassischer brasilianischer Musik auch Lobos Komposition 'Diffusa est Gratia' (B01ES8FF68, Genesis / Artequim 2007).

Das Album Os Mestres Mulatos enthält neben anderer klassischer brasilianischer Musik auch Lobos Komposition ‘Diffusa est Gratia’ (B01ES8FF68, Genesis / Artequim 2007).

Deren Reichtum an Gold entspricht in gewisser Weise die Fülle des kompositorischen Schaffens: Emerico Lobo schrieb zahllose Messen, Antiphone, komplette Offizien, Mariengesänge, Te Deums und Magnificats. Orgelwerke aus seiner Hand sind in geringerer Zahl vorhanden, etwa ein Difusa est Gratia Tércio. Trotz der stilistischen Zugehörigkeit zur europäischen Musikgeschichte mit der Rezeption barocker Polyphonie, frühklassischer Homophonie und innovatorischen Entwicklungen im weiteren Verlauf des 18. Jahrhunderts weist diese Musik Abweichungen von dieser “Norm” und die Herausbildung neuer Konzepte auf.

Literatur

Domingos Sávio Lins Brandão: Zum Barocken und Hybriden in der in Minas Gerais komponierten Musik im 18. Jahrhundert. In: Barbara Alge (Hg.): Kunstmusik – Kolonialismus – Lateinamerika. Essen 2017 (= RMM 4). S. 135 – 138.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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