Diesmal ohne Streicher ...

… und noch ganz anders

… traten einige Musiker des Philharmonischen Orchesters Erfurt am Freitagabend auf: nahezu unerhört “modern” zudem für eine ansonsten ganz klassisch ausgerichtete Truppe. Die Spannbreite ließ sich dabei schon am Motto des Programms ermessen: Von der Gabrieli-Canzone bis zur Souljazznummer Skyfall aus dem gleichnamigen James-Bond-Film Nr. 23 von 2012 gelang, mit zwei Schwerpunkten auf Renaissance mit Barock sowie Big-Band-Sound, ein klug inszenierter Gang durch eine vierhundertjährige Musikgeschichte. Der gebürtige Leipziger Alexander Bernhard lieferte nicht nur die Mehrzahl der Arrangements Alter Musik für den Blechbläserapparat und die Schlagzeugabteilung, sondern wirkte selbst, seines Zeichens im übrigen Solotrompeter am Theater, in vorderster Reihe mit.

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Der 007-Zug East Coast Mk4 DVT 82231 kam diesmal auch ins Theater Erfurt: mit Nele Hartigs Interpretation von 'Skyfall' (King's Cross railway station, mattbuck, 11.3.2013, CC-Liz.) ...

Der 007-Zug East Coast Mk4 DVT 82231 kam diesmal auch ins Theater Erfurt: mit Nele Hartigs Interpretation von ‘Skyfall’ (King’s Cross railway station, mattbuck, 11.3.2013, CC-Liz.) …

Ungewöhnlich für die Konzertabonnenten und alle, die sonst das Theater gerne (un)regelmäßig) besuchen, jedoch attraktiv für ein noch wesentlich breiteres Publikum ging es zur Sache, als der Vorhang sich nach der (von einem Platzregen vor dem Haus begleiteten) Pause wieder öffnete. Denn hier konnte ein ausladendes, sonst eher in der Alten Oper Erfurt und auf anderen Bühnen des Landes angesiedeltes Big-Band-Programm zelebriert werden, zur sichtlichen Freude insbesondere der Schlagwerker, zumal hier auch Triangeln, Congas und andere Percussioninstrumente zum Einsatz kamen. Dabei hatte schon Queens Bohemian Rhapsody in einem Arrangement von Gerd Fischer den zweiten Teil vor der Pause eingeläutet.

Arrangeur in Sachen Barock und Renaissance am Abend des 9. Juni 2017: Der Solotrompeter des Philharmonischen Orchesters Erfurt, Alexander Bernhard (15322; Theater Erfurt).

Arrangeur in Sachen Barock und Renaissance am Abend des 9. Juni 2017: Der Solotrompeter des Philharmonischen Orchesters Erfurt, Alexander Bernhard (15322; Theater Erfurt).

Over the Rainbow aus dem Musikfilm Der Zauberer von Oz war neben Can You Feel the Love Tonight und Skyfall zu hören. Als besonderen Gast für die Gesangspartien hatte man die Leipziger Sängerin Nele Hartig gewonnen, die hier neben ihrem Mann, dem Perkussionisten Kilian Hartig auftrat und sich mit wandlungsfähiger Stimme und Charme vielfachen Applaus sicherte.

Zurück zum ersten und mehr experimentellen Teil des Abends: Grandios intoniert durch Posaunen, Waldhörner, Trompeten, Bassposaune und Tuba auch die dreichörige Canzona “auf dem neunten Ton” von Giovanni Gabrieli. Auch bei den selteneren Konzertbesuchern dürfte Henry Purcells Rondeau aus seiner Theatermusik zum Schauspiel Abdelazer ein Aha-Erlebnis verursacht haben.

Dem Lutherjahr explizit und schwarz auf weiß geschuldet war Ein feste Burg ist unser Gott, ausladend weitergestrickt durch Hans Leo Hasslers Satz und den Eingangschor zur Kantate von J.S. Bach. Dessen “Nähmaschinen”- oder “Dampflokomotiven”-Präludium nebst Fuge in c-Moll aus dem Ersten Teil des Wohltemperierten Klaviers erklang fast übergangslos aus dem Bläsersatz, gespielt von einem Marimbaphonisten und einem Xylophonisten, die auf der zweiten Ebene der Theatermaschine abgesenkt wurden; ein dritter Perkussionist kam - unentbehrlich für die vollstimmige Realisation von Bachs Badinerie aus der zweiten Suite für Orchester h-Moll -  hinzu.

Ideengeber des Abends war neben Viktoria Knuth Ausstattungschef Hank Irwin Kittel (2016, 12394, Theater Erfurt).

Ideengeber des Abends war außer Viktoria Knuth einmal mehr Ausstattungschef Hank Irwin Kittel (2016, 12394, Theater Erfurt).

Mit José / beFore John 5 von Aurel Hollo konnte sich die Schlagzeugsektion des Theaters schließlich richtig “austoben”, Pauke und Gong aus der Interpretation spätromantischer Symphonien erst einmal hinter sich lassen. Dabei wurden unkonventionelle Klangkörper wie eine grüne Gießkanne mit den Stöcken traktiert oder die Saiten einer liegenden Gitarre von links und rechts geklöppelt. Eine außereuropäische Flöte ergänzte das audiovisuelle “Experiment”.

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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