Spotlights auf eine undefinierte "Gattung"

Skizzen und Sketche(s)

Der Skizze eignet in der Malerei das Flüchtige des Entwurfs und des ungeplant Hingekritzelten en passant, ästhetisch positiv besetzt durch den ersten Ausdruck einer (genialen) Idee, die der Maler nicht aus seinem Kurzzeitgedächtnis verlieren will und deshalb rasch zu Papier – im Falle des Skulpturschaffenden zu Lehm oder Plastilin – bringt. In der Musik ist es ähnlich, allerdings in Anlehnung an eine Grundtechnik der bildenden Kunst: Hier bezeichnet das englische sketch, die französische Esquisse und die deutschsprachige Skizze ein einfaches oder nur kurzes (aber unter Umständen komplexes) formal exponiertes Stück, etwa als einen in Musik konkretisierten Gedanken.

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Die CD mit Deux Esquisses von Léon Boellmann (1862 - 1897) enthält auch dessen berühmtere Suite gothique, ebenso eine Orgelkomposition ( dts).

Die CD mit Deux Esquisses von Léon Boëllmann (1862 – 1897) enthält auch dessen berühmtere Suite gothique, ebenso eine Orgelkomposition (SYR 141734, 2009, dts).

Beim Titel Esquisses denkt man wohl als erstes an Charles-Valentin Alkans mit 49 Einzelnummern reiches op. 63 aus dem Jahr 1861; unter dem Paralleltitel motifs sind überwiegend weltliche literarische Ideen mit Tänzen und nur durch das Tempo definierten Stücken bunt vermischt, am Ende erst wird das Lob Gottes intoniert. Zu denken ist hier aber auch an die Deux Esquisses für Orgel seines Landsmannes Léon Boëllmann. Wohl mehr als rein formale Bezeichnung einer unfertigen Klavierkomposition ohne jegliche kryptifizierende inhaltliche Bezugnahme gebrauchte Joseph Haydn den unscharfen Terminus “Eine Skizze” für diejenige Komposition, die er mit dem unbenannten Stück Hob. XV:3, 4 verband. Robert Schumann titulierte wohl mit einer stärkeren formalästhetischen Absicht sein Klavier-Opus 58 von 1845 als Skizzen für Pedalflügel.

Charles-Valentin Alkan schrieb 49 'Esquisses" zu "Motiven" im Sinne von Ideen, aber auch musikalischen Gattungen und Sätzen (Dr. 91.41 09-10, 8.3.2008 UTC, p.d.).

Charles-Valentin Alkan schrieb 49 ‘Esquisses” zu “Motiven” im Sinne von Ideen, aber auch musikalischen Gattungen und Sätzen (Dr. 91.41 09-10, 8.3.2008 UTC, p.d.).

Als manifestierte Gattung tritt der Terminus des Sketch in Zusammenhängen mit Kunstmusik selten in Erscheinung. Paul Hindemith, der gerne formale Definitionen für seine programmgesteuerten Werke suchte, benannte 1927 seine Kurzoper Hin und zurück als “Sketch”, womit er sich lediglich auf den literarischen Typus für das zugrundeliegende Libretto bezog und ihn dem Genre Oper somit zueignete. Evgeny Khazdan benannte in seinem Zyklus Shabbat Songs ein Lied mit dem Titel Somehow, once upon a time … , das lyrisch auf Cherries von David Markish beruht, als “humorous sketch”, die hier grell von der schweren Tragik der weiteren Lieder absticht: Der “Held” des Plots macht sich hier Gedanken darüber, ob es ihm am Sabbat erlaubt sei, eine Fliege zu töten.

Absichtsvoll überliefert oder nachlässig? Skizzen von Robert Schumann zu seinem Klaviertrio op. 63 (Z thomas, 4.6.2016, CC-Liz.)

Absichtsvoll überliefert oder nachlässig? “Echte” Skizzen von Robert Schumann zu seinem Klaviertrio op. 63 (Z thomas, 4.6.2016, CC-Liz.)

 

 

 

Im anglophonen Pop und Jazz tauften gleich mehrere namhafte Bands oder Einzelmusiker ihre Platten unter dem Namen Sketches wie Newton Faulkner und Vince Mendoza, eine pakistanische Sufi-Band nutzte diesen – mit dem Artikel davor – geradezu in personalisierender Absicht. Zuletzt erregten Inga und Anush Arshakyan den Kunstterminus, um ihr 2014 vom Stapel gelassenes Album damit zu charakterisieren. Warum auch nicht? Entwürfe haben oft etwas Geheimnisvolles, denn vielerlei Ausführungen sind auf ihrer Basis denkbar und möglich. Auch waltet ja die Kontingenz dann, wenn etwas “hingeworfen” wird, das vom Künstlern und seinen Kritikern weiter zu interpretieren ist.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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