In den kommenden Wochen

Re-Torten oder originelle Würfe?

Was wollen Sie hören? Einen Renaissance-Potter oder einen romantischen Potter? Der anstehende Klassik-Sommer bringt eine mehr oder weniger durchwachsene Mischung aus echter Archivarchäologie und Expeditionsfunden, die Applaus verdienen, nicht allzuviel zum Zweck des Wiederverkaufs Aufgewärmtes und erfreulich wenig hundertste Einspielungen von Werken, die ohnehin die vereinigten Radiosender inklusive der digitalen seit Jahrzehnten auf dem Teller servieren. Unter den Künstlern, insbesondere den Kammermusikensembles, sind auch etliche Newcomer, die unter den musikalischen Tortenkonditoren die Konkurrenz beleben.

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Musikalische Tortenwürfe? Hier handelt es sich aber nicht um einen Plattenteller, sondern um eine optische Maschine, auf der bei schneller Bewegung zwei Männer Kuchen und Sterne zu werfen scheinen (Library of Congress, Racoonish, US p.d.).

Musikalische Tortenwürfe? Hier handelt es sich aber nicht um einen Plattenteller, sondern um eine optische Maschine, auf der bei schneller Bewegung zwei Männer Kuchen und Sterne zu werfen scheinen (Library of Congress, Racoonish, US p.d.). Bitte klicken!

Ob Mariss Jansons’ zu erwartende Einspielung von Mahlers unbestritten genialer Symphonie Nr. 5 mit dem BR-Symphonieorchester, die in München ohnehin “gefühlt” zu jeder zweiten Saison live zu hören ist, das persönliche CD-Reservoire ergänzt, mag jede(r) selbst entscheiden, anders verhält es sich bei der klanglich originellen Auswahl geistlicher Preziosen von Josquin Desprez und Tomás Luís Victoria durch den britischen Tenor und Musikwissenschaftler John Potter, der sich am King’s College in Cambridge seine ersten Sporen verdient hatte. Angekündigt ist die CD aus dem Haus ECM für 25. August. Etwa zum selben Termin sind noch zwei weitere Aufmerksamkeit weckende Aufnahmen von ECM zu erwarten: Vijai Iyers Far from Over und Incidentals mit fünf Titeln von Tim Bernes Snakeoil.

Singt Kunstwerke von Desprez und Victoria aus der lateinischen Liturgie: Tenor John Potter  (ECM Records, B06XTTJX85).

Singt Kunstwerke von Desprez und Victoria aus der lateinischen Liturgie: Tenor John Potter (ECM Records, B06XTTJX85).

An der Schwelle zwischen Frühklassik und der Wiener (normativen) Klassik bewegen sich die Werke des selbst Kennern außerhalb der österreichischen Metropole fast unbekannten Karl von Ordoñez (1734 – 1786), von dessen symphonischem Werk sich Werner Ehrhardt mit dem Orchester L’arte del mondo ein paar größere Stücke herausgeschnitten hat. Manchmal nahezu inflationär muten die Neuentdeckungen aus dem mit barocker Musik überreich gesegneten Italien an: Neu sind neben Sonate da Camera 1-6 des anglisierten Livornesen Giovanni Stefano Carbonelli (1694 – 1772) mit dem Illyria Consort beim Label Delphian Francesco Durantes Concerti per Archi, einstudiert und aufgenommen von Cristina Corrieri mit dem durchaus mehr als nur physisch präsenten Ensemble Imaginaire.

Der Wiener Karl von Ordonez trug zum Repertoire der Wiener Frühklassik maßgeblich bei (B072QSBWJM, Deutsche Harmonia Mundi, ET: August 2017)

Der Wiener Karl von Ordoñez trug zum Repertoire der Wiener Frühklassik maßgeblich bei (B072QSBWJM, Deutsche Harmonia Mundi, ET: August 2017)

Dass auch im romantisch gestimmten 19. Jahrhundert immer wieder Neuausgrabungen zu erzielen sind, stellt die Reihe “Das romantische Klavierkonzert” bei Hyperion nun schon mit seiner 72. (!) Folge unter Beweis: Cipriani Potters (1792 – 1871) Klavierkonzerte Nr. 2 und 4 in d-Moll und E-Dur werden hier von Howard Shelley und dem Tasmanischen Symphonieorchester bestritten.

Nach ihrem Querspiel Les Sauvages und J.S. Bachs Violinsonaten hat sich Giulia Nuti nun dem Manuscript Bauyn von 1658 gewidmet (B072KM4GZK, Arcana, ET: Juli 2017).

Nach ihrem Querspiel Les Sauvages und J.S. Bachs Violinsonaten hat sich Giulia Nuti nun dem Manuscript Bauyn von 1658 gewidmet (B072KM4GZK, Arcana, ET: Juli 2017).

Einen wenigstens teilweise dem Publikum “verborgenen” Schatz hat das Label Arcana wiederum gehoben, nämlich mit der Aufnahme von Werken aus dem frühestens 1658 in Frankreich verfertigten Manuscrit Bauyn, das unter dem Motto Le Coeur & l’Oreille häufig tanzbasierte Tastenkunststücke von Louis Couperin, Jacques Champion de Chambonnières, Henry d’Anglebert, Johann Jacob Froberger, Germain Pinel, René Mesangeau und Jacques Hardel vereint. Am Cembalo agiert Giulia Nuti.

Gespannt sein darf man Ende Juli auch auf die zweite Folge einer (vorläufigen) Gesamtwerkschau von Emil Tabakovs symphonischen Würfen – nämlich seiner 1. Symphonie und dem Bratschenkonzert – mit dem Bulgarischen Radio-Symphonieorchester, für die der Komponist hier selbst den Taktstock regiert.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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