Notiz zum Begründer der "klassischen" Szene auf Korfu

Griechische Musketiere

Dank vitaler folkloristischer und orthodox-kirchlicher Traditionen schien bis ins 19. Jahrhundert hinein auch auf Korfu keine Notwendigkeit bestanden zu haben, westliche abendländische Musikgepflogenheiten außer den spezifisch italienischen der damals neuen Ionischen Schule zu adaptieren. Dies sollte sich mit dem selbst Kerkyras Boden entsprossenen musiktheoretisch hoch ambitionierten jungen Spyridon Xyndas (1812 - 1896) grundlegend ändern. Auch bei ihm, der bereits mit elf Jahren in die Schule des Komponisten Nikolaos Mantzaros-Chalkiopoulos ging, gab es anfänglich keinen offensichtlichen “Draht” zur mitteleuropäischen Musik.

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In den Räumen der Philharmonischen Gesellschaft Korfu, zu deren maßgeblichen Bitbegründern Spyridon Xyndas gehörte (Stamatis Kotopodis, 1.12.2010, Corfu Philharmonic Society, CC-Liz.).

In den Räumen der Philharmonischen Gesellschaft Korfu, zu deren maßgeblichen Bitbegründern Spyridon Xyndas gehörte (Stamatis Kotopodis, 1.12.2010, Corfu Philharmonic Society, CC-Liz.).

Dies änderte sich, als der auf der Gitarre versierte Musiker seine Studien an den nicht nur historisch bedeutsamen Hochschulen von Neapel und Mailand fortsetzte und Neuigkeiten ins Vaterland mitbrachte. Der Auslandsaufenthalt trug Früchte: Zusammen mit seinem Kommilitonen Mantzaros Andonios Liveralis als einzigem weiteren professionell Ausgebildeten neben ihm selbst begründete er im Jahr 1840 die Philharmonische Gesellschaft Korfus mit und wirkte an dieser Institution ein paar Jahre selbst als Dozent.

Spyridon Xyndas auf dem Höhepunkt seines Schaffens als Komponist (p.d.)

Spyridon Xyndas auf dem Höhepunkt seines Schaffens als Komponist (http://www.mlahanas.de/Greeks/ NewMusic/Music.htm, p.d.)

 

Die Orientierung insbesondere an der italienischen Kunstmusik diente tatsächlich eher der Entwicklung eines eigenen, unverwechselbar westgriechischen Idioms. Deutlich wird dies an der früh einsetzenden Komposition von Arien in der Volkssprache Dimotiki – und nicht etwa etablierten Traditionen entsprechend auf italienische oder französische Texte. Diesen Weg verfolgte Xyndas konsequent weiter und schuf eine geraume Zeit danach, erst 1867, mit Ο υποψήφιος, zu deutsch Der Kandidat, die erste griechischsprachige Oper der Musikgeschichte überhaupt. Bemerkenswert daran war außer dem Umstand, dass es sich auf ein zwar komisches, aber nichtsdestoweniger sozialkritisch ausgerichtetes Buch von Ioannis Rinopoulos über die Verhältnisse verarmter Landleute bezog, die Einbeziehung von Folklore aus dem Gebiet der Ionischen Inseln. Das Los der weitreichenden Mittellosigkeit ereilte ihn selbst, als er nach Athen umzog und die Arbeit an seiner letzten griechischen Oper Galatea nicht mehr abschließen konnte.

Die Szenen wandeln sich ebenso wie der Geschmack: Heute erfreuen sich auf Korfu auch Blaskapellen regen Zuspruchs (Jean Housen, 18.4.2014, CC-Liz.).

Die Szenen wandeln sich ebenso wie der Geschmack: Heute erfreuen sich auf Korfu auch Blaskapellen regen Zuspruchs (Jean Housen, 18.4.2014, CC-Liz.).

Dem bedeutsamen Musikdrama Die Kandidaten vorausgegangen war 1855 ein größerer Erfolg mit der von Anna Winter textierten musikdramatischen Verarbeitung des Dumas-Stoffs Die drei Musketiere, die später auch mit griechischen Libretto unter dem weitgehend wörtlich übersetzten Titel Οι τρεις σωματοφύλακες in neuer Fassung avancierte. 1857 folgte die gleichermaßen beachtete italienischsprachige Oper Il Conte Giuliano. Darüber sollte allerdings nicht vergessen werden, dass der Komponist schon früh für sein (leib)eigenstes Instrument, nämlich die Gitarre, ein umfangreiches neues Repertoire widmete. Aus seiner Komponistenschule ging unter anderem Spyros Samaras hervor, den man als seinen leiblichen Sohn annimmt.

Heute weist Korfu, Xyndas Heimat, ein vielfältiges Musikleben auf, zu dem sowohl marschierende Blaskapellen und lebendige, unter anderem getanzte Folklore gehören als auch Kirchenmusik, Symphonik, Kammermusik und nicht zuletzt die auf Xyndas’ Initialzündung zurückgehende griechische Oper.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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