Der Postrock-Postillon

First Breath After Coma / Ruin! Ruins! / Hammock

First Breath After Coma: "Drifter" (popup-records/Believe Digital/Soulfood)

First Breath After Coma: “Drifter” (popup-records/Believe Digital/Soulfood)

Und wieder ist es an der Zeit, jenen Totenglocken Einhalt zu gebieten, die den Postrock konventioneller Prägung scheinbar schon seit geraumer Zeit geleiten. Anhand des zweiten Albums der aus Leiria (Portugal) stammenden First Breath After Coma, dem Debüt der sibirischen Ruin! Ruins! sowie – wie könnte es anders sein?! – dem achten Langspieler des Nashville-Ambient-Duos Hammock.

Mit Drifter (popup-records/Believe Digital/Soulfood) setzen First Breath After Coma auf die vorläufige Vervollkommnung eines Stils, der sich sowohl einer exakt getroffenen Schnittmenge aus Sigur Rós und Explosions In The Sky sowie einer geradezu typisch anmutenden, portugiesischen Postrock-Tradition (Indignu, The Allstar Project, Imploding Stars, Catacombe et al) erfreut. Neben dem (an die Isländer) erinnernden Gesang zeichnet sich der FBAC-Sound durch einen permanent eingehaltenen Zustand der Schwebe aus, der zwischen Schaum- und Stahlbad gar federleicht oszilliert.

Diese Wahrung von Balance und Sitte vermag zwar nicht durchgängig zu erregen, hinterlässt insgesamt jedoch eine geschärfte Sensibilisierung für jene Zwischentöne, die von einer Ambivalenz künden, die sich (vor allem) auch im Alltag immer wieder offenbart. Sobald es simultan zu konstatieren gilt, dass einerseits nichts so ist, wie es scheint und andererseits alles ist, was der Fall ist, findet sich in Drifter ein musikalisches Äquivalent.

Salty Eyes: youtube.com/watch?v=tNVOosRxpEw

omnichordrecords.com/pt/artistas-2/first-breath-after-coma-2
facebook.com/firstbreathaftercoma12

07.09. Köln (Blue Shell)
09.09. Münster (Gleis 22)
12.09. Marburg (Trauma)
14.09. Berlin (Monarch)
15.09. Hamburg (Honigfabrik)
17.09. Leipzig (Werk 2)
18.09. Dresden (Ostpol)
19.09. Erlangen (E-Werk)
20.09. Reutlingen (Franz K)

Ruin! Ruins!: "Mammock" (Fluttery Records)

Ruin! Ruins!: “Mammock” (Fluttery Records)

Deutlich gröber, verzerrter, aber auch zupackender gebärden sich Ruin! Ruins! auf ihrem Debüt Mammock für Fluttery Records. Hier ist die Stimmung klar vorgegeben, vor lauter Endzeit lassen sich Melancholie und Verzweiflung kaum voneinander scheiden. Ganz im Sinne der Erfinder, die auf der Basis knarziger Gitarrenwände in voller Absicht Sirenen auf Celli prallen lassen. Und dabei jenem Schmutz huldigen, den die Zivilisation selbst in die entlegensten Gegenden (nicht nur) der sibirischen Heimat trägt.

Als wolle man Industrial und Post-Metal sublimieren, erschließt sich auf dieser überaus bemerkenswerten Scheibe die Exegese einer sehr persönlich empfundenen Apokalypse, deren Zwangsläufigkeit mit jedem Melodieverlauf an Evidenz gewinnt. Durchaus nah an den Landsleuten von Powder! Go Away musizieren Andrey Meyer, Aleksey Lebedev, Mikhail Sigarev und Artyom Karpeshin entlang eines Kanons, der Säure und Süße zur Mentalitätsgeschichte verrührt.

Distress:
youtube.com/watch?v=jQM81V14nsU

flutteryrecords.com/ruinruins
facebook.com/groups/ruinruins 

Hammock: "Mysterium" (Hammock Music/Redeye/H'Art)

Hammock: “Mysterium” (Hammock Music/Redeye/H’Art)

Vom Mammock zu Hammock. Und in diesem Sinne vom Vorgänger Everything & Nothing zu dessen Antezessor Oblivion Hymns. Ja, Marc Byrd und Andrew Thompson vollziehen auf Mysterium (Hammock Music/Redeye/H’Art, ab 25. August) eine halbe Rolle rückwärts – und amalgamieren endlich das zuvor noch von Album zu Album getrennt Bevorzugte: das zurückgenommen Ambiente ihrer kontrolliert ausufernden Entwürfe (E&N) mit der wollüstigen Schwere einer orchestralen Verfassung (OH).

Angeblich verarbeiten die beiden Wohlklangerzeuger nunmehr eine persönliche Geschichte, doch bleibt deren Verlauf Mysterium. Wie jede gute Geschichte: Mit Höhen, Tiefen, Ebenen. Und einem offenen Ende, das Erlösung zumindest erahnen lässt. Spätestens mit diesem Album verleihen Hammock ihren Soundtracks zum Sonnenuntergang jene sakrale Andacht, anhand derer sich der heimische HiFi ermächtigt fühlt, Einladungsschreiben in den Beichtstuhl zu versenden. Und das im Lutherjahr! Makellos und sauschön waren Hammock schon immer. Jetzt überschreiten sie die Grenze zur Erhabenheit.

Things Of Beauty Burn: youtube.com/watch?v=-TlcjPPuIMY

hammockmusic.com
facebook.com/hammockmusic

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