Zur Hauptattraktion der Domstufen-Festspiele 2017

Verdichtetes Mittelalter

Verdis 1853 in Rom uraufgeführtes Bühnenwerk Der Troubadour ist auch in Erfurt mit seinem jungen neuen Theater schon seit langem Bestandteil des Stadtrepertoires: Anlässlich der Iga 66 wurde es vor 61 Jahren schon einmal an derselben Stelle, nämlich auf dem Domplatz, aufgeführt. Die historistisch beeinflusste Mittelalter-Mixtur ist geradezu der finale Prototyp aller romantischen Projektionen des düsteren Zeitalters und damit in gewisser Weise auch dessen Abgesang, denn sowohl Giuseppe Verdi als auch Giacomo Puccini wandten sich kurze Zeit später mit Vorliebe exotischen Stoffen vornehmlich asiatischer Herkunft zu.

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Der Hofdame Leonora (Ekaterina Godovanets / Elena Stikhina) wegen entbrennt Graf Lunas Eifersucht auf den Troubadour (Lutz Edelhoff, 2017).

Der Hofdame Leonora (Elena Stikhina) wegen entbrennt Graf Lunas Eifersucht auf den Troubadour (Lutz Edelhoff, 2017).

Noch aufwändiger als im vergangenen Jahr zur Tosca-Inszenierung sind in diesem Jahr Aufbau, Vorderkulisse, Beleuchtung und Umfeld ausgefallen. Herausgekommen ist bei allem vordergründigen grauen und grellbunten Spektakel, das die Handlung des Troubadour nun einmal bietet, eine beeindruckende Gesamtproduktion, vom Verantwortlichen für die Regie, Jürgen R. Weber, dem Ausstattungsexperten Hank Irwin Kittel und dem Dirigenten Samuel Bächli bis in die kleinen Details der Dramaturgie durchdacht.

Die Hofdame in herzlicher Umarmung mit dem geliebten Minnesänger (Lutz Edelhoff, 2017)

Leonora in Zweisamkeit mit dem geliebten Minnesänger (Lutz Edelhoff, 2017)

Tatsächlich ist aber der Oper mit ihrer dichten musikalischen Faktur, die Überflüssiges ausspart, nur schwer beizukommen, wenn man lediglich die von den Klischees der Zeit um 1850 gelenkte Dramenhandlung beachtet: Wie das attraktive Programmheft der Festspiele zu Recht vermerkt, hängt das Wesentliche von den Charakteren der vier Hauptfiguren ab, die über die zahlreichen Aufführungen im August hinweg abwechselnd von verschiedenen Sängern repräsentiert werden.

Großer Auftritt bei den Erfurter Domstufen-Festspielen: Leonora (Elena Stikhina) und Minnesänger Manrico (Eduard Martynyuk) (Lutz Edelhoff, 2017)

Großer Auftritt bei den Erfurter Domstufen-Festspielen: Leonora (Margrethe Fredheim / Elena Stikhina) und Minnesänger Manrico (Eduard Martynyuk) (Lutz Edelhoff, 2017)

In Manricos Kostüm schlüpfen abwechselnd Thomas Paul, Eduard Martynyuk und Adorján Pataki, Gerard Kim und Todd Thomas stellen den eifersüchtigen und gewalttätigen Grafen von Luna dar, Leonoras Rolle wird von Ekaterina Godovanets und Elena Stikhina übernommen, den Part der Zigeunerin Azucena singen Agnieszka Rehlis und Eliska Weissová. Optisch wird die Tiefendimension der Aufführung bestimmt durch die Kulisse des Doms selbst, der in eben jener Zeit um 1400 errichtet wurde, in der die Vorlage des Librettos von Salvatore Cammarano, nämlich das erstmals 1836 in Madrid aufgeführte Schauspiel El Trovador von Antonio García Gutierrez, situiert ist. Florian Hahns Lichtregie und die Kostümierung taten hier ihr Übriges.

Bot die ideale Kulisse für einen romantisch idealisierten Stoff aus der Zeit um 1400: der wirklich im Mittelalter erbaute Erfurter Dom (Lutz Edelhoff, 2017).

Ideale Kulisse für einen romantisierenden Stoff über die Zeit um 1400: der im Mittelalter erbaute Erfurter Dom (Lutz Edelhoff, 2017).

Abgesehen vom überall als “Ohrwurm” verfügbaren Chor der Zigeuner im ersten Akt lebte die Aufführung am 24. August von der voluminösen stimmlichen Präsenz der ProtagonistInnen, denen es gelang, den Arien das gleiche Gewicht wie der Chor den vollorchestrierten Partien zu verleihen. Schließlich wurde durch die neue Erfurter Aufführung bewusst gehalten, dass die uniformiert auftretenden Gruppen des Hofstaats und der Nonnen, in deren Kloster Leonora einzutreten gewillt ist, hinter der Bedeutung der Außenseiter zurückstehen, die ihrerseits ins Rampenlicht nach vorne rücken und sich gegen den grausamen Potentaten in Person des Grafen Luna zu behaupten haben: Sowohl der Minnesänger Manrico als auch die Zigeuner, die de facto (auch) in Spanien schließlich geächtet wurden, vertreten die Randzonen der Gesellschaft.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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