Klezmer und Gypsy vereint zur Jam-Session

Mit jüdischer Seele

Das Ensemble The String Company steht seit längerem für ebenso oiginelle wie bis ins Detail ausgefeilte Konzerte innerhalb der Klezmer- und Folkszenen. Die fünf Musiker, allen voran Marion Minkus als jiddisch singende Liedkünstlerin mit Soul-Stimme, Reinhard Schwalbe an jazzig angeschrägter Violine, Lev Guzman als Bratschist und Sänger, Gitarrist und Sänger Frank Truckenbrodt sowie Friedemann Seifert am Bass veranstalten selbst die Erfurter Lange Nacht des Klezmer. Sie sind in der jüdischen Gemeinde mit ihrem schmissigen, zum Tanz herausfordernden, aber auch elegisch-lyrischen Repertoire – etwa mit dem “Schlager” Bei dir war es immer so schön - bestens bekannt.

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Im Konzertforum des HEizwerks Erfurt am 2. September 2017: The String Company mit Geiger Reinhard Schwalbe und  dem Bratschisten Lev Guzman (Agnieszka Mederer)

Im Konzertforum Heizwerk Erfurt am 2. September 2017: The String Company mit Geiger Reinhard Schwalbe und dem Bratschisten Lev Guzman (A. Mederer)

Am Abend des Samstag und damit am bereits dritten Tag des diesjährigen Achava-Festivals, für das wiederum Martin Kranz als Intendant zeichnet, konnte sich ein entspanntes Publikum auf ein Feuerwerk musikalisch zündender Ideen freuen. Die stimmige Akustik des alten Erfurter Heizwerks tat ein Übriges, um das unvergessliche Hörerlebnis zwischen Gypsy, jüdischer Liedkunst und Klezmer abzurunden. Das Ensemble des ungarischen Musikers Lakatos György setzt sich zusammen aus jungen Roma, Juden und Ungarn, die in politisch schwieriger Zeit mit ihrem voluminösen Chor- und Instrumentalprojekt zur Verständigung zwischen den Kulturen beitragen. Zu ihrem Liedschatz gehören neben ungarischer Folklore jüdische, serbische, russische und spanische Melodien, begleitet von Gitarren und Akkordeon.

Helmut Eisel improvisiert über den Melodien des Romano Glaszo Projekts (A. Mederer, 2.9.2017).

Helmut Eisel improvisiert über den Melodien des Romano Glaszo Project (A. Mederer, 2.9.2017).

Eins mit seiner Klarinette: Seit 1993 arbeitet der Klezmer-Virtuose Helmut Eisel ausschließlich als Musiker und die Profession ebenso wie seine Anpassungsfähigkeit an Personen und Stimmungen sind mittlerweile Legende. Ursprünglich Mathematiker und Softwareentwickler tourt er als einer der versiertesten Klarinettisten unserer Tage durch Deutschland, Europa und Israel, wo er sich aber nicht nur dem Instrumentalspiel, sondern auch dem Theater als Schauspieler verschrieben hat, etwa anlässlich der Aufführung von Iskender zu den Ruhr-Festspielen 2010.

Frank Truckenbrodt (Gitarre) und Friedemann Seifert (Bass) musizierten und improvisierten mit jüdischem Liedgut (A. Mederer, 2.9.2017).

Frank Truckenbrodt (Gitarre) und Friedemann Seifert (Bass) musizierten und improvisierten mit jüdischem Liedgut (A. Mederer, 2.9.2017).

Am Samstag zeigte er sich von seiner dominanten, nämlich der humorvollen Seite: Es ist, als würde dieser Meister der Improvisation Witze durch die Klarinette erzählen und sowohl die Musiker seines eigenen Quartetts als auch der String Company und des Romano Glaszo Project unmittelbar zur dialoggemäßen Antwort auf dem jeweiligen Instrument herausfordern, sei es Geige, Gitarre oder die menschliche Stimme. Nicht alleine verschiedene Tiere, wenn auch nicht eindeutig definierbar, dröhnen aus der Klarinette, eine aberwitzig verrückte und abenteuerlich schnelle Skala jagt die andere.

Famos versiert zeigte sich auch Eisels Partner Joscho Stephan, dessen Gypsy-Spiel immer wieder an Al Di Meola und sein Alter Ego John McLaughlin erinnerte. Seine Riffs und Griffe auf der Stahlsaiten-Gitarre lassen überdies an Flamenco sowie brasilianische oder venezolanische Kunstmusik denken. Klarinette und Gitarre verschmelzen zwischen den beiden Musiker-Komponisten zu einer harmonischen Einheit.

Zum Duo Eisel-Stephan gesellten sich Rhythmusgitarrist Günter Stephan und Volker Kamp am Bass. Schließlich gab es eine echte, nur einmal vorgeprobte Jam Session mit den jungen Musikern von Lakatos György, die weniger zu einer kompletten Stilfusion als vielmehr zu einer harmonisch-melodischen und auch dynamischen Anreicherung der zugrunde liegenden folkloristischen Melodien und improvisatorischen Einfälle führte. Das Publikum wurde an diesem Abend allzeit zum (rhythmischen) Mitmachen ermuntert, sein Applaus fiel angemessen nachhaltig aus.

 

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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