Meisterwerke der polnischen Musik XXXIII

Originell in Chopins Fußstapfen

Der Katalog seiner vierhändigen Klavierstücke verrät schon die Orientierung am französischen Repertoire der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, insbesondere an Chopin, denn es handelt sich überwiegend um Formen wie Caprice, Fantaisie, Ballade, Sérénade, oder Tänzen wie Valse, Gavotte und Barcarolle: Julius Zarębski, 1854 in Schytomyr geboren, das damals dem Russischen Reich einverleibt war und heute zur Ukraine gehört, gilt aber als der originellste polnische Tonsetzer seiner Zeit. Denn außer der Ausrichtung an Franz Liszt, der in sein Rom Lehrer war, und vor allem an seinem Landsmann Frédéric Chopin entwickelte er eine selbstständige stilistische Idiomatik, die dem Frühimpressionismus vorgreift, parallel zu Zygmunt Noskowski, der sich etwa gleichzeitig vom konventionellen Sonatenhauptsatz-Schema der Symphonie verabschiedete und vor allem in der harmonischen Gestaltung der Orchesterstimmen ganz neue Wege ging.

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Das polnische Ravel Piano Duo setzte bei seiner Aufnahme von romantischen Klavierwerken auch Zarebskis 'Deux morceaux en forme du Mazurke', op. 5 aufs Programm (B0116DE1KE, Dux 2015).

Das ausschließlich weiblich besetzte polnische Ravel Piano Duo widmet sich bei seiner neuen Aufnahme von romantischen Klavierwerken auch Zarębskis ‘Deux morceaux en forme du Mazurke’, op. 5 (B0116DE1KE, Dux 2015).

Deutlich wird beim Blick in Zarębskis Werkliste aber auch, dass er den spezifisch polnischen Gattungen große Bedeutung beimaß: Neben etlichen Polonaisen komponierte der auch am Wiener Konservatorium ausgebildete Pianist Mazurken unterschiedlicher Färbung, drei galizische Tänze (1880), eine Suite polonaise (1883) und den Zyklus À travers Pologne (1884). Nur ganz wenige Werke waren nicht dem Klavier zu zwei oder vier Händen gewidmet.

Nahezu monumental wirkt sein Klavierkonzert Polonaise triomphale in A-Dur (1882), das eine Besetzung mit großem romantischem Symphonieorchester vorsieht. Er verwendete für zwei romantische Lieder epische Verse seines Landsmannes, des Dichters Adam Mickiewicz, nämlich Wilija, naszych strumieni rodzica (“Neris, Mutter unsrer Ströme”)
und Te rozkwitłe świeże drzewa (“Die frisch ergrünten Bäume”). Größere Bekanntheit erlangte außerdem die Liedkomposition Akacja (1880).

Der in seinem Schaffen hochoriginelle Klavierpädagoge, Pianist und Komponist Juliusz Zarebski auf einer Aufnahme vor 1885 (Dzieje Musyki Polskiej, Interpress Warschau 1977, p.d.)

Der in seinem Schaffen hochoriginelle Klavierpädagoge, Pianist und Komponist Juliusz Zarębski (1854 – 1885) auf einer Aufnahme vor 1885 (Dzieje Musyki Polskiej, Interpress Warschau 1977, p.d.)

Da Juliusz Zarębski schon im Alter von 26 Jahren zum Klavierprofessor am Brüsseler Konservatorium berufen wurde und er in den kommenden vier Jahren auch als Komponist hochproduktiv blieb, wirkt sein Verlust im Jahr 1885 umso bestürzender: Er wurde infolge diagnostizierter Tuberkulose nur 31 Jahre alt. Von Franz Liszt, mit dem er befreundet war, hatte er auch bei seinen  Konzerten Unterstützung erfahren, 1881 instrumentierte dieser seine Danses Galiciennes für Orchester. Der zwei Jahre später beendete fünfteilige Klavierzyklus Les roses et les épines (eingespielt übrigens von Marian Mika beim Label cpo) weist in der harmonischen Faktur auf spätere Entwicklungen um die Wende zum 20. Jahrhundert voraus. Mit seinem Klavierquintett in g-Moll von 1885 setzte Zarębski die neu eingeschlagene Richtung konsequent fort.

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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